Erwerbslose und ihre Gegenstände

Klischees über Erwerbslose werden zuweilen anhand von Gegenständen dargestellt, die man in (bewegten) Bildern mit den gezeigten Personen sieht. Ein richtiges Set von Requisiten hat sich dafür herauskristallisiert, und das besteht aus Bier, Zigarette oder Joint und einem Sofa oder ungemachten Bett. Manchmal sind noch Kartoffelchips oder Kekse dabei.

So entsteht buchstäblich mit der Zeit ein bestimmtes Bild von Erwerbslosen.

Mir ist das zum ersten Mal aufgefallen, als ich nach Jobcenter-Songs für die kleine Reihe HartzIV im Spiegel gesucht habe. Einige der gefundenen Videos zeigen quasi Erwerbslose beim Erwerbslos-sein, und zwar genau so, wie es durch diese Requisiten angedeutet wird.

Dabei wird damit gar nicht unbedingt über Erwerbslose hergezogen, sondern Erwerbslosigkeit wird eben thematisiert. Ob da jetzt mehr eine ironische Brechung beabsichtigt ist, oder ob es den KünstlerInnen gar nicht möglich oder naheliegend erschien, eine Bildersprache zu verwenden, die Erwerbslosigkeit auf andere Weise bezeichnet, oder ob das Klischee einfach ihrer Sichtweise auf das Thema entspricht, das habe ich jetzt gar nicht näher analysiert.

Hier sind ein paar Beispiele.

Das Sofa ist in diesem Video nur angedeutet:

Hier fehlt die Zigarette als Attribut der Erwerbslosigkeit:

In diesem Video ist alles da:

Auch bei Tapete, Sofa, Bier, Zigarette:

Daß man Personen mit bestimmten Gegenständen zeigt und sie darüber identifiziert, das gibt es schon lange. Eine spärlich bekleidete Frau mit einem Apfel und einer Schlange? Kenn ich, weiß ich.

Heilige und ihre Attribute

Heilige wurden deswegen zusammen mit Gegenständen dargestellt, damit man sie identifizieren konnte, auch ohne lesen zu können.

Margarete von Antiochia
Lizenz: Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)
Quelle: Wikimedia Commons

 

Zum Beispiel Margareta von Antiochia: Als sie wegen Christentum im Gefängnis war, soll ihr ein Drache erschienen sein, deswegen wird sie mit einem Drachen zusammen dargestellt.

 

 

 

 

Der heilige Kasimir
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

 

Der heilige Kasimir wird mit einer Lilie dargestellt, ich weiß nicht genau, warum.

 

 

 

 

 

Franz von Assisi
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

 

Franz von Assisi wird schon mal mit einem Vogel gezeigt, soll ja überhaupt ein Tierfreund gewesen sein.

 

 

Heilige Barbara
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

 

 

Und die heilige Barbara, als Schutzpatronin der Bergleute, sieht man mit Werkzeugen für den Bergbau.

 

 

 

 

 

Eine Liste mit vielen weiteren Heiligenattributen kann man hier finden, wem’s Spaß macht, aber Vorsicht: Zuweilen sind’s auch schonmal Folter- oder gar Hinrichtungswerkzeuege („Beil: Matthäus, Matthias, Wolfgang von Regensburg, Simon Zelotes, im Schädel steckend: Petrus Martyr“) oder Körperteile („Augen auf einer Schale liegend: Odilia, Lucia von Syrakus“). In der katholischen Kirche gilt es als besonders lobenswert, übelster Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein.

Das ist natürlich auch wieder ein sinnvoller Schutzmechanismus gegen eine solche Gewalt, denn: „Das bringt nichts, man schafft damit bloß Märtyrer.“

Hier ist noch eine ausführlichere Liste von Heiligen mit ihren Attributen, danke @simsa0!

Jedenfalls, Heilige kann man anhand der Gegenstände um sie herum identifizieren, und Erwerbslose identifiziert man eben bei bildlicher Darstellung anhand von Sofa, Zigarette und Chipstüte. Leider ein ziemlich schiefes Bild, vielleicht kann man dem ja was entgegensetzen.

Deswegen hab ich mich gefragt: Gibt es das auch bei Gruppen, also daß bestimmte Gruppen anhand von abgebildeten Gegenständen identifiziert werden? Also vorzugsweise: Daß bestimmte Gruppen diese bildliche Identifikation über Gegenstände selber in die Hand nehmen?

Oh ja, das gibt’s, nämlich zum Beispiel bei den mittelalterlichen…

… Zunftwappen

Zünfte waren Vereinigungen der Handwerker, heute würde man dazu Innungen sagen. Die einzelnen Zünfte hatten Wappen oder Abzeichen, und viele davon zeigten die typischen Werkzeuge oder Erzeugnisse.

Zum Beispiel Fischer:

Zunftwappen Fischer
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

Färber:

Zunftwappen Färber
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

Hutmacher:

Zunftwappen Hutmacher
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

Tischler:

Zunftwappen Tischler
Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Germany (CC BY-SA 2.0 DE)
Quelle: Wikimedia Commons

Schlosser:

Zunftzeichen Schlosser
Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Germany (CC BY-SA 2.0 DE)
Quelle: Wikimedia Commons

Schuhmacher:

Zunftwappen Schuhmacher
Lizenz: Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0)
Quelle: Wikimedia Commons

Hier gibt es ein Quiz, da muß man raten, welches Zunftwappen zu welchem Handwerk gehört. Sehr nett!

Ein Zunftzeichen für Erwerbslose?

Könnten Erwerbslose ihre Selbstdarstellung anhand von Gegenständen über so ein Abzeichen selber in die Hand nehmen?

Ganz selbstironisch: Ein Erwerbslosen-Zunftabzeichen mit Sofa, Kippe und Bier?
Da bin ich eher dagegen, denn eine solche Darstellung transportiert Vorurteile, und mit der Ironie ist das so ne Sache. Wer keinen Bock hat, die Ironie zu verstehen, tut es halt einfach nicht. Und bei so einer bildlichen Darstellung bleibt im Gehirn ja doch was ganz anderes hängen als die ironische Brechung.

Besser wäre, etwas zu finden, was man dieser Darstellung entgegensetzen kann.

Also habe ich überlegt: Gibt es Gegenstände, die bei aller Unterschiedlichkeit wirklich alle Erwerbslosen haben? Was ist unser Werkzeug und Produkt unserer Arbeit?

Na klar!

Ein riesiger Stapel Akten vom Papierkrieg mit dem Jobcenter und anderen Behörden.

Ich hab das mal ausprobiert, mit einem Aktenstapel, einem Wahlspruch dazu, und einer runden Form statt einem Wappen. Mir gefällt der militärische und feudale Bezug eines Wappens nicht, ich hab mich da eher an so Abzeichen, Badges oder Siegeln orientiert.

So sieht es aus:

rundes Zunftabzeichen für Erwerbslose: Ein Aktenstapel als Werkzeug und Produkt unserer beruflichen Tätigkeit und der Wahlspruch "Sanktionsfreie Mindestsicherung für alle"

Ich habe dafür das Urheberrecht, und nö, ich erlaube nicht, daß jeder das einfach benutzt, ohne zu fragen. Nur zum Anschauen.

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Hartz IV in Zitaten

Die Zitate aus dem letzten Beitrag sieht man hier nochmal in bunt und böse.

(Mein allererstes Inkscape-Erzeugnis ist bestimmt nicht perfekt.)

Hartz IV in Zitaten, zusammengestellt von Christel T. "Ich bedank mich jeden Tag bei Vater staat, daß ich auf seine Kosten leben darf", Tapete. Dieses Zitat wurde unsterblich, als Tapete schriftlich vom Jobcenter aufgefordert wurde, sich dafür zu rechtfertigen. https://www.flickr.com/photos/tapeteberlin/18899577993/ "Mitarbeiter fühlen sich durch die Sendung Wallraff verunglimpft", Raimund Becker. Wenn die Chefs der Bundesagentur für Arbeit kritisiert werden, behaupten sie immer, die Mitarbeiter seien gemeint. https://altonabloggt.com/2015/05/25/mitarbeiter-der-jobcenter-sind-keine-idioten/ "Es geht nicht um Bestrafung. Es geht hier darum, entlang von Zumutbarkeiten Gestaltung vorzunehmen." Gerhard Schröder. zitiert nach einer Sammlung von Labournet http://labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/modelle/hartz/zitate.html "Wir statten Arbeitgeber mit billigem Menschenmaterial aus", anonymer "Arbeitsvermittler" zur Süddeutschen Zeitung http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/system-hartz-iv-wir-statten-arbeitgeber-mit-billigem-menschenmaterial-aus-1.2375543 Der gesetzliche Leistungsanspruch muss so ausgestaltet sein, dass er stets den gesamten existenznotwendigen Bedarf jedes individuellen Grundrechtsträgers deckt." Bundesverfassungsgericht http://www.dielinke-saar.de/fileadmin/Pdf-Dateien/BVerG_ALGII.pdf "Wir machen hier SGB II, nicht Grundgesetz." unbekannt. Standardspruch von "Arbeitsvermittlern" “Unsereins kann die Zwangsverarmung, den Zynismus, die Wegnahme von Grundrechten, die Verursachung von Krankheiten und Obdachlosigkeit und die Vernichtung unserer Lebenszeit nicht einfach blocken”, Atarifrosch. Die Bloggerin wurde auf Twitter von einem Chef der Bundesagentur für Arbeit geblockt, weil sie kritisch nachgefragt hatte. http://blog.atari-frosch.de/2014/01/25/realitaetsverweigerung/ “Biologen verwenden für ‘Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben’, übereinstimmend die Bezeichnung ‘Parasiten’.”, Parasiten-Clement. Mit solchen Sprüchen wurden die Hartz-Reformen durchgesetzt. https://sonstigesblog.wordpress.com/2015/09/23/warum-ich-den-mann-parasiten-clement-nenne/ "Arbeit im Jobcenter erfordert nur geringe Verfassungstreue" Ein Urteil des arbeitsgerichts Frankfurt a.M., zusammengefaßt von Legal Tribune online. Der NPD-Kader, der später dadurch bekannt wurde, daß er sich von syrischen Geflüchteten retten ließ, nachdem er mit seinem Auto an einen Baum gefahren war, hatte auf Weiterbeschäftigung im Jobcenter geklagt. http://www.lto.de/recht/nachrichten/n/arbg-frankfurt-urteil-1-ca-4657-14-1-ca-4246-14-npd-mitglied-jobcenter-kuendigung-unwirksam/ Infografik auf Christel T.'s Blog, https://jobcenteraktivistin.wordpress.com

Wer einen Screenreader benutzt, kann mit einer Grafik nicht viel anfangen. Die enthaltenen Zitate gibt es aber auch im zweiten Teil des vorigen Artikels, da müßte es gehen.

For my international readers who use automatic translation, which will also not work with a jpg graphic: The quotes are the same as in the second part of my last post. Update:

Update: Gerade über Twitter reingekommen ist der Vorschlag einer Sammlung, und ein erster Beitrag dazu.

Update: Hier ist noch einer

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Hartz IV im Spiegel: Jobcenter-Zitate

Ich habe heute eine neue Kategorie hinzugefügt, sie heißt „Hartz IV im Spiegel“.

Der Name bezieht sich auf kulturelle Spiegel, also Filme, Bücher, Musik etc., Spiegel, die Hartz IV in Ausschnitten zeigen, aus Perspektiven, die bestimmte Aspekte manchmal klarer sehen lassen, als wenn man sie direkt anschauen würde.

„Wie ist es denn so mit Sanktionen?“, das ist wohl die häufigste Frage, die mir im Zusammenhang mit Hartz IV gestellt wird. Immer und immer wieder.

Egal, wie oft Erwerbslose darüber schon berichtet haben oder wie viele (teilweise brillante) Dokumentationen darüber schon gesendet wurden oder wie viele (teilweise fantastische) Artikel geschrieben wurden: Die Information, wie wir die Repressionsmaschine Hartz IV erleben, scheint niemals ins kollektive Wissen einzugehen.

Seit ich neulich über einen Jobcenter-Krimi geschrieben habe, ist mir klar geworden, daß es auch eine verfehlte Herangehensweise ist, wenn man dies erreichen will, indem man immer wieder konkrete Einzelfälle durch den Zoo der Öffentlichkeit führt.

Vielmehr ist es wenn, dann eine kulturelle Leistung, unsere Erfahrungen aufzuarbeiten, verfügbar zu machen, und der Allgemeinheit eine Vorstellung davon zu vermitteln, was Hartz IV konkret bedeutet, während es eigentlich Aufgabe der Presse und des Journalismus ist, der Arbeitsmarktpolitik und deren einzelnen Institutionen auf die Finger zu schauen.

Deswegen habe ich eine Kategorie eingerichtet, in der ich immer mal entsprechende Kulturprodukte besprechen will. Das ist der Plan.

Heute habe ich im Rahmen dieses Plans ein Blogstöckchen angenommen. Vielen Dank, Wendy Weir (Blog: Greater than Gravity)!

Man soll drei Tage hintereinander je drei Zitate posten und jedesmal das Blogstöckchen an drei Andere weiterreichen.

So mache ich es aber nicht, sondern poste heute neun Zitate zum Thema Hartz IV und Jobcenter auf einmal.

Außerdem werde ich natürlich diejenigen nominieren, die nominiert werden möchten (außer die „Ich-hab-nix-gegen-Menschen-aber“-Fraktion).

Es ist also eher eine Ersatzleistung als eine richtige Teilnahme.

Jobcenter-Zitate

„Ich bedank mich jeden Tag bei Vater Staat, dass ich auf seine Kosten leben darf“
Tapete
Der Rapper erhielt daraufhin eine Mitwirkungsaufforderung von seinem Jobcenter, in der er unter Androhung des vollständigen Leistungsentzuges aufgefordert wurde, zu erklären, was er damit meine.
So wurde die Zeile unsterblich.

„Mitarbeiter fühlen sich durch die Sendung Wallraff verunglimpft“
Raimund Becker, Vorstand Bundesagentur für Arbeit
(Standardmanöver bei Kritik am BA-Vorstand)
Dazu ein Mitarbeiter: „Die Einzigen, die hier durch die Bundesagentur für Arbeit-„Führung“ verleumdet werden, sind der Journalist Wallraff, die gezeigte Wahrheit und viele Kollegen bundesweit.“

„Es geht nicht um Bestrafung. Es geht hier darum, entlang von Zumutbarkeiten Gestaltung vorzunehmen.“
Gerhard Schröder
zitiert nach einer Sammlung von Labournet

„Wir statten Arbeitgeber mit billigem Menschenmaterial aus“
anonymer „Arbeitsvermittler“
zur Süddeutschen Zeitung

„Der gesetzliche Leistungsanspruch muss so ausgestaltet sein, dass er stets den gesamten existenznotwendigen Bedarf jedes individuellen Grundrechtsträgers deckt.“
Bundesverfassungsgericht
Seit diesem Urteilsspruch aus dem Jahr 2010 ist bekannt, daß Sanktionen verfassungswidrig sind. Zitiert nach dieser Auswertung von Die Linke, als pdf.

„Wir machen hier SGB II, nicht Grundgesetz.“
unbekannt
Standardspruch von „Arbeitsvermittlern“.

“Unsereins kann die Zwangsverarmung, den Zynismus, die Wegnahme von Grundrechten, die Verursachung von Krankheiten und Obdachlosigkeit und die Vernichtung unserer Lebenszeit nicht einfach blocken”
Atarifrosch
Die Bloggerin wurde nach einer kritischen Äußerung auf Twitter von Heinrich Alt geblockt, der damals im Vorstand der BA war, und kommentierte den Vorfall.

“Biologen verwenden für ‘Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben’, übereinstimmend die Bezeichnung ‘Parasiten’.”
Parasiten-Clement
Oh ja, allerdings: Damit sind Erwerbslose gemeint.

„Arbeit im Jobcenter erfordert nur geringe Verfassungstreue“
titelt die Legal Tribune Online (LTO)
Es ging dabei um denselben NPD-Kader, der sich letztens nach einem Autounfall von syrischen Geflüchteten ins Krankenhaus bringen ließ

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