Erwerbslose und ihre Gegenstände

Klischees über Erwerbslose werden zuweilen anhand von Gegenständen dargestellt, die man in (bewegten) Bildern mit den gezeigten Personen sieht. Ein richtiges Set von Requisiten hat sich dafür herauskristallisiert, und das besteht aus Bier, Zigarette oder Joint und einem Sofa oder ungemachten Bett. Manchmal sind noch Kartoffelchips oder Kekse dabei.

So entsteht buchstäblich mit der Zeit ein bestimmtes Bild von Erwerbslosen.

Mir ist das zum ersten Mal aufgefallen, als ich nach Jobcenter-Songs für die kleine Reihe HartzIV im Spiegel gesucht habe. Einige der gefundenen Videos zeigen quasi Erwerbslose beim Erwerbslos-sein, und zwar genau so, wie es durch diese Requisiten angedeutet wird.

Dabei wird damit gar nicht unbedingt über Erwerbslose hergezogen, sondern Erwerbslosigkeit wird eben thematisiert. Ob da jetzt mehr eine ironische Brechung beabsichtigt ist, oder ob es den KünstlerInnen gar nicht möglich oder naheliegend erschien, eine Bildersprache zu verwenden, die Erwerbslosigkeit auf andere Weise bezeichnet, oder ob das Klischee einfach ihrer Sichtweise auf das Thema entspricht, das habe ich jetzt gar nicht näher analysiert.

Hier sind ein paar Beispiele.

Das Sofa ist in diesem Video nur angedeutet:

Hier fehlt die Zigarette als Attribut der Erwerbslosigkeit:

In diesem Video ist alles da:

Auch bei Tapete, Sofa, Bier, Zigarette:

Daß man Personen mit bestimmten Gegenständen zeigt und sie darüber identifiziert, das gibt es schon lange. Eine spärlich bekleidete Frau mit einem Apfel und einer Schlange? Kenn ich, weiß ich.

Heilige und ihre Attribute

Heilige wurden deswegen zusammen mit Gegenständen dargestellt, damit man sie identifizieren konnte, auch ohne lesen zu können.

Margarete von Antiochia
Lizenz: Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)
Quelle: Wikimedia Commons

 

Zum Beispiel Margareta von Antiochia: Als sie wegen Christentum im Gefängnis war, soll ihr ein Drache erschienen sein, deswegen wird sie mit einem Drachen zusammen dargestellt.

 

 

 

 

Der heilige Kasimir
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

 

Der heilige Kasimir wird mit einer Lilie dargestellt, ich weiß nicht genau, warum.

 

 

 

 

 

Franz von Assisi
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

 

Franz von Assisi wird schon mal mit einem Vogel gezeigt, soll ja überhaupt ein Tierfreund gewesen sein.

 

 

Heilige Barbara
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

 

 

Und die heilige Barbara, als Schutzpatronin der Bergleute, sieht man mit Werkzeugen für den Bergbau.

 

 

 

 

 

Eine Liste mit vielen weiteren Heiligenattributen kann man hier finden, wem’s Spaß macht, aber Vorsicht: Zuweilen sind’s auch schonmal Folter- oder gar Hinrichtungswerkzeuege („Beil: Matthäus, Matthias, Wolfgang von Regensburg, Simon Zelotes, im Schädel steckend: Petrus Martyr“) oder Körperteile („Augen auf einer Schale liegend: Odilia, Lucia von Syrakus“). In der katholischen Kirche gilt es als besonders lobenswert, übelster Gewalt ausgesetzt gewesen zu sein.

Das ist natürlich auch wieder ein sinnvoller Schutzmechanismus gegen eine solche Gewalt, denn: „Das bringt nichts, man schafft damit bloß Märtyrer.“

Hier ist noch eine ausführlichere Liste von Heiligen mit ihren Attributen, danke @simsa0!

Jedenfalls, Heilige kann man anhand der Gegenstände um sie herum identifizieren, und Erwerbslose identifiziert man eben bei bildlicher Darstellung anhand von Sofa, Zigarette und Chipstüte. Leider ein ziemlich schiefes Bild, vielleicht kann man dem ja was entgegensetzen.

Deswegen hab ich mich gefragt: Gibt es das auch bei Gruppen, also daß bestimmte Gruppen anhand von abgebildeten Gegenständen identifiziert werden? Also vorzugsweise: Daß bestimmte Gruppen diese bildliche Identifikation über Gegenstände selber in die Hand nehmen?

Oh ja, das gibt’s, nämlich zum Beispiel bei den mittelalterlichen…

… Zunftwappen

Zünfte waren Vereinigungen der Handwerker, heute würde man dazu Innungen sagen. Die einzelnen Zünfte hatten Wappen oder Abzeichen, und viele davon zeigten die typischen Werkzeuge oder Erzeugnisse.

Zum Beispiel Fischer:

Zunftwappen Fischer
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

Färber:

Zunftwappen Färber
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

Hutmacher:

Zunftwappen Hutmacher
Lizenz: Public Domain
Quelle: Wikimedia Commons

Tischler:

Zunftwappen Tischler
Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Germany (CC BY-SA 2.0 DE)
Quelle: Wikimedia Commons

Schlosser:

Zunftzeichen Schlosser
Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Germany (CC BY-SA 2.0 DE)
Quelle: Wikimedia Commons

Schuhmacher:

Zunftwappen Schuhmacher
Lizenz: Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0)
Quelle: Wikimedia Commons

Hier gibt es ein Quiz, da muß man raten, welches Zunftwappen zu welchem Handwerk gehört. Sehr nett!

Ein Zunftzeichen für Erwerbslose?

Könnten Erwerbslose ihre Selbstdarstellung anhand von Gegenständen über so ein Abzeichen selber in die Hand nehmen?

Ganz selbstironisch: Ein Erwerbslosen-Zunftabzeichen mit Sofa, Kippe und Bier?
Da bin ich eher dagegen, denn eine solche Darstellung transportiert Vorurteile, und mit der Ironie ist das so ne Sache. Wer keinen Bock hat, die Ironie zu verstehen, tut es halt einfach nicht. Und bei so einer bildlichen Darstellung bleibt im Gehirn ja doch was ganz anderes hängen als die ironische Brechung.

Besser wäre, etwas zu finden, was man dieser Darstellung entgegensetzen kann.

Also habe ich überlegt: Gibt es Gegenstände, die bei aller Unterschiedlichkeit wirklich alle Erwerbslosen haben? Was ist unser Werkzeug und Produkt unserer Arbeit?

Na klar!

Ein riesiger Stapel Akten vom Papierkrieg mit dem Jobcenter und anderen Behörden.

Ich hab das mal ausprobiert, mit einem Aktenstapel, einem Wahlspruch dazu, und einer runden Form statt einem Wappen. Mir gefällt der militärische und feudale Bezug eines Wappens nicht, ich hab mich da eher an so Abzeichen, Badges oder Siegeln orientiert.

So sieht es aus:

rundes Zunftabzeichen für Erwerbslose: Ein Aktenstapel als Werkzeug und Produkt unserer beruflichen Tätigkeit und der Wahlspruch "Sanktionsfreie Mindestsicherung für alle"

Ich habe dafür das Urheberrecht, und nö, ich erlaube nicht, daß jeder das einfach benutzt, ohne zu fragen. Nur zum Anschauen.

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21 Gedanken zu “Erwerbslose und ihre Gegenstände

  1. eine alte Journalistenweisheit sagt: „Bild schlägt Text.“ – Es ist eben „bequemer“ mit zugespitzten Bildern eine „alternative Wahrheit“ zu verkaufen, als mit vielen Worten komplexe Tatsachen, einer Vorurteile pflegenden Gesellschaft, aufzudröseln. Das verkauft sich schlecht und erscheint uninteressant. Wie sagt BILD immer: „Bild Dir Deine Meinung.“ – ich sage dazu: eine Meinung hat man umsonst und die hat jeder, Wissen muss man sich erarbeiten und hat eben nicht jeder. Will auch nicht jeder. Man lebt doch ganz bequem ohne.

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  2. zu den Zunftzeichen meine private Ansicht: Zunftzeichen dienen seit dem Mittelalter der Identifikation in einer Ständegesellschaft. Sie geben Auskunft über Stand und Gewerk. Die Zünfte pflegen ihre Traditionen und vertreten auch einen gewissen Stolz.
    Erwerbslose haben weder eine Lobby, noch eine Tradition. Es gibt auch keine Ständegesellschaft mehr in unserer Zeit und Stolz auf die Erwerbslosigkeit ist gleich mal ganz unangebracht. Ich habe mir diesen Zustand weder erarbeitet noch irgendwie herbei gesehnt. Es sollte idealer Weise nur ein vorübergehender Zusatnd sein. Also mit nichten eine Zunft – ganz im Gegensatz zu den heute noch existierenden Zünften, die aber – wie oben gesagt – nicht mehr die gleiche Verkörperung haben.

    Mein Fazit: ein vorübergehender Zustand in der Erwerbsbiographie braucht weder ein Zunftzeichen noch eine Ständedefinition und gar keinen Stolz – muss auch nicht manifestiert werden.
    Es braucht endlich eine Abhilfe und keine Stigmatisierung. Von daher stimme ich mit der Kritik an den vereinfachenden Kopfbildern vom faulen „Hartzer“ überein.

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    1. Der Papierkrieg mit dem Jobcenter ist ein Vollzeitjob, ein Knochenjob und ein hochqualifizierter Job – eigentlich ist man nur als Volljuristin zum Leistungsbezug qualifiziert. Selbstverständlich kann man da verdammt stolz drauf sein. Und selbstverständlich darf man es ganz offen zeigen, daß man erwerbslos ist und damit zu einer sehr großen Gruppe von Menschen gehört, die alle in derselben Situation sind.

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  3. > Eine spärlich bekleidete Frau mit einem Apfel und einer Schlange?
    (Bin in diesen Mythologien nicht „sattelfest“, aber…) War das nicht vor Erfindung der Kleidung?

    Und im ErwerbsAL-„Zunftzeichen“ … sollte da der Aktenberg nicht durchgestrichen sein, wie auf einem Verbotsschild?

    LsG aus Wien

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  4. Guten Tag.
    Sehr lehrreich und gipfelnd in einem originellen und gelungenem Vorschlag.
    Zu schade, dass es nicht public domain ist. Aber ich habe leicht reden.
    Wenn Du damit ein wenig Geld verdienen kannst: sei es meinerseits gern gegönnt!
    Auf hämische Kommentare der Radikalkritischen Fraktion wirst Du Dich da aber einstellen müssen… ich kenne das…
    MfG
    BTB

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    1. Vielen Dank!

      Es geht dabei gar nicht um Geld, sondern um Instrumentalisierung. Siehe hier: https://jobcenteraktivistin.wordpress.com/2017/03/16/vorsicht-reblog/

      Das Thema bringt es eben mit sich, da wollen alle möglichen ihr Süppchen drauf kochen.

      Wenn ich was verkaufen wollte, würde ich immer versuchen, auch eine kostenlose Version anzubieten, aber wenn es sich nicht einrichten läßt… ich hab natürlich auch das Recht, für meine Arbeit bezahlt zu werden, und hätte da nicht unbedingt ein Problem, dazu zu stehen.

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  5. das logo ist gut gemacht, aber ich kann mich nicht damit identifizieren, denn die tätigkeit, die es ausdrückt, ist zwar verbindend, aber eben zwanghafter natur. wohingegen beispielsweise die zünfte sicherlich voller stolz auf ihre arbeitsinstrumente verwiesen haben.
    aber stolz und selbstbewußtsein auf eine zwangsarbeit ?
    die frage ist also für mich: ließe sich auch ein gruppentypisches positives – also identifikation schaffendes – symbol finden ?
    die augenfällig größte gemeinsamkeit der erwerbslosen besteht ja -negativ betrachtet – in der abwesenheit von etwas – nämlich geldmitteln.
    positiv gesehen jedoch ließe sich der reichtum an frei verfügbarer zeit als größte gemeinsamkeit sehen – trotz der einschränkungen über zwangsmaßnahmen, papierkram etc.

    ich persönlich könnte mir daher spontan am ehesten das symbol der stundenblume, oder besser noch: deren symbolisierte verteidigung, als passend vorstellen – in anlehnung und würdigung an Michaels Endes „MOMO“- allegorie.

    bin allerdings grafisch unbegabt.

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    1. Erstens, es gibt sogar ein Wort, das heißt: Zunftzwang
      Zitat Wikipedia: „…führte jedoch zu erheblichen Missbräuchen und Missständen, insbesondere zu einer engen Beschränkung der Chancen des Nachwuchses im Handwerk, die von ihren Meistern in vielerlei Hinsicht abhängig waren (Wohlverhaltensnachweise, Heiratsverbote, Mobilitätsbeschränkungen). Nur wenige Gewerbe und Meister konnten sich dem Zunftzwang legal entziehen, viele Gesellen taten dies illegal und mussten mit Verfolgung rechnen.“
      https://de.wikipedia.org/wiki/Zunftzwang

      Und junge Männer (denn für junge Frauen war’s ja wohl nochmal was ganz anderes), die haben sich das ganz alleine frei ausgesucht, ob sie ein Handwerk lernen wollten und wenn ja, welches, im Mittelalter? Na ich weiß ja nicht.

      Zweitens, was den Papierkrieg betrifft: Bestimmte Teile davon, etwa die zehn Millionen Unterlagen, die man bei Antragstellung vorweisen soll, um die Leistungsberechtigung zu beweisen, die kann man zwar als erzwungen betrachten. Man kann es aber auch so sehen, daß der Zweck davon gerade nicht ist, daß man alle diese Papiere vorlegt, sondern der Zweck ist, daß man das eben nicht schafft, sondern schon an der Antragstellung scheitert, womit die Statistik schöner aussieht und Bundesziel eins näher rückt (weniger Geld in den Taschen der Erwerbslosen). Hat man also all diese Unterlagen beigebracht, ist das auch schon ein Akt des Widerstandes, ein besiegter Drache, eine überstandene Dschungelprüfung.

      Und ehrlich gesagt, niemand würde dem Prinzen im Märchen absprechen, daß er stolz sein darf, den Drachen besiegt zu haben, bloß weil der böse König ihn gezwungen hat, gegen den Drachen zu kämpfen. Da sollten dieselben Maßstäbe dann schon für alle gelten, finde ich.

      Zu einem anderen Teil des Papierkrieges zwingt einen überhaupt niemand, zum Beispiel mal Widerspruch einzulegen. Im Gegenteil, damit widersetzt man sich, mindestens, der Einflüsterung „Widerstand ist zwecklos“.

      Überhaupt sehe ich eigentlich gar nicht, wo dieses Thema „Stolz“ eigentlich herkommt. Es ist für Gesetzgeber und Jobcenter bzw. andere Verwaltungen eine Schande, was sie uns an Papierkrieg überhelfen, nicht für die Erwerbslosen, das ist das Eine. Das Andere ist, es geht mir um Identifikation ohne Wertung, eben insbesondere auch ohne Abwertung, aber ich hab auch kein Bedürfnis, mich aufzuwerten, indem ich mich einer Gruppe zurechne, die mit bestimmten Gegenständen assoziiert wird. Wenn die Assozation in der Sache zutreffend ist und nicht abwertend, dann hab ich da kein Problem.

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  6. ich bleibe dabei und gehe mit Thilo dacore: es gibt keinen Grund stolz auf den erzwungenen Kampf ums Überleben, gegen ein Bürokratiemonster zu sein. Auch wenn Sie viel Energie und Aufwand und Kenntnisreichtum einsetzen, so tub Sie das doch letztlich erzwungenermaßen. Sie würden sicher viel lieber anderen Werken Ihre Lebenszeit spenden, wenn nicht die soziale Lage so wäre wie sie ist. Ein Zunft und eine Kunst ist das sicher alles nicht. Es hat nichts verbindendes außer der Zugehörigkeit zu einer an den Rand gestellten Gruppe, die tgl. um ihre Existenz besorgt ist … Das ist eine Form persönlichert Unfreiheit. Kanstinsassen sind auch unfrei und man könnte ein vergittertes Fenster darstellen, als Symbol … ähnlich Ihrem Entwurf. Es ist nur ein Symbol – aber mit nichten ein Zunftzeichen.

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    1. Scheint ja für manche echt ein Problem zu sein.

      Die mittelalterlichen Zünfte waren erbliche Feudalherrschaften der Meister über Lehrlinge und Gesellen, unter Ausschluß von Frauen, Ortsfremden, Unterfinanzierten und Leuten, an deren Ahnentafeln oder Bürgerrechten man etwas auszusetzen fand. Und wie Feudalherren nun mal so sind, haben sie sich auf ihre Feudalherrschaft wunder was eingebildet.

      Nachdem die Ausbeutung in solchen Handwerksbetrieben immer mehr in den Vordergrund trat, fingen die Gesellen an, eigene Vereinigungen zu bilden, zunächst um sich dagegen zu wehren. Das schlug dann aber um, und in erster Linie grenzten sie sich damit gegen andere ab, die noch weniger privilegiert waren.
      In dem Zusammenhang steht auch bei diesen Gesellenvereinigungen das Thema „Stolz“.

      Schon 1895 hat Karl Kautsky sich mit der Mittelalter-Schwärmerei auseinandergesetzt, und versucht, da etwas Faktenbezug reinzubringen. Ich empfehle diesen Text:
      https://www.marxists.org/deutsch/archiv/kautsky/1895/vorl/kap2-2.html

      Vielleicht ein kurzes Zitat: „Indessen muß es doch Bedenken erregen, wenn der genannte Historiker als Beweis für den Wohlstand der Gesellen u. A. besonders die Klagen der Obrigkeiten, Meister und bürgerlichen Schriftsteller über den Luxus und Uebermuth der Gesellen anführt, die Unerträglich würden. Wenn derlei Klagen beweiskräftig wären, dann könnte man mit leichter Mühe darthun, daß die Lohnarbeiter sich zu jeder Zeit aufs Wohlste befunden haben.“

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      1. Mir war bislang nicht bekannt, daß in Germania Magna das Zunftsystem Bestandteil der erblichen Feudalherrschaft war, wie Du behauptest. Deine Quellen liefert auch keinen Hinweis.

        Wenn ich im Geschichtsunterricht aufgepaßt habe: Die Feudalherrschaft bezog sich auf die vom Gebietsherrscher ausgehende Lehenspyramide, nicht auf Dienstleistungen in den Städten. Wenn ich nach Kategorisierungen suchen wollte, käme mir am ehesten ein Standeswesen in den Sinn. Im Grunde sind die heutigen Handwerkskammern und die in ihnen organisierten Gewerke die Nachfahren dieses Systems (und seit dem Lissabon-Vertrag unter heftigem Beschuß).

        Der einzige Zusammenhang, der mir bekannt ist, bestand darin, daß im gesamten deutschen Kaiserreich bis zu dessen Ende im Deputationshauptschluß eine einheitliche Höchstarbeitszeitverordnung für Lehrlinge bestand.

        Wenn ich heutige Zustände in D mit „erblicher Feudalherrschaft“ belegen wollte, kämen mir eher die Betriebsräte dominierenden Gewerkschaftsfunktionäre in Großunternehmen oder die Beamtenclans in Kommunalverwaltungen in den Sinn, die den öD als Erbhof betreiben.

        Oder, noch besser, den Kapitaladel à la Albrecht, Schwarz, Kladden, Quandt, Porsche, Piëch, Bertelsmann, …

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        1. Daß die Zünfte erbliche Feudalherrschaften waren, ist meine eigene Bewertung. Sie sollten in den Städten die andere erbliche Feudalherrschaft verdrängen und haben sich dann selber in diese Richtung entwickelt, mit Meistern, die die beschränkten Meisterstellen vorzugsweise an ihre eigenen Söhne weitergegeben haben und feudal über ihre Betriebe und die Angestellten geherrscht haben.

          Wenn ich mir heutige Arbeitsplätze ansehe, dann sehe ich feudale Verhältnisse auch im kleinen zwischen Arbeit“geber“ und Arbeit“nehmer“.

          Die Vorstellung, daß manche Menschen extrem dankbar sein müssen, überhaupt arbeiten zu dürfen, und darüber ein rudimentäres Existenzrecht zu erwerben (wenn auch nicht als richtige echte vollständige Menschen), und man sie deswegen nicht auch noch normal bezahlen oder sie mit normalen Arbeitnehmerrechten ausstatten müsse, die finde ich zum Beispiel auch feudal.

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          1. Klar kann man Begriffe belegen wie man will. ‚Alice in Wonderland‘ enthält eine Passage über die Begriffshoheit, die bei denen liegt, die das Sagen haben. In Deinem blog hast Du das.

            Außerhalb davon ist ‚feudal‘ mit Lehenswesen verbunden und bar jeder Wertung. Der Lehensgedanke umfaßt überdies ein wechselseitiges Versprechen: Der Geber läßt dem Nehmer seinen Schutz angedeihen, während dieser ihm Treue schuldet. Genau dieses Wechselspiel findet sich im Arbeitsrecht: Fürsorge und Treue. Die von Dir kritisierten Zustände sind hingegen gerade durch die mehr oder minder grobe Verletzung des Fürsorgegedankens sowie durch eine übergriffige Weisungsgebung gekennzeichnet.

            Wenigstens die reichsfreien Städte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation waren übrigens frei von Lehensherrschaften innerhalb der üblichen Pyramide, die zu verdrängen es gegolten hätte. Daß in ihnen nur bestimmte Einwohner, die ‚Bürger‘ was zu sagen hatten: Geschenkt.

            Ich sehe somit die Zünfte eher als eine Art Kartell, die ihre Wissens- und Fertigungskünste geheim halten wollten, um sich ein angenehmes Auskommen zu sichern, „Wettbewerbsvorteile“ also auf Neusprech. Daß sowas irgendwann stagniert und zu Seilschafts- und Bündeleiwesen degeneriert, ist wenig verwunderlich.

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  7. man kann sich auch ganz kräftig vergalloppieren. Man sollte das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Wer sich bereits identitätsstiftender Symbole bedient, hat unter dem System der Ausgrenzung und Repression offensichtlich starken Schaden an seiner Seele nehmen müssen und sich so verbiegen lassen, dass es zu einer Identifikation mit der ausgegrenzten Gruppe kommt. Dann haben die, die die Repression betreiben, aus meiner Sicht, ihr Ziel erreicht. Das bedeutet nämlich nichts anderes, als der Stigmatisierung durch Andere zuvorzukommen, indem man sich selbst ein Mahl aufdrückt. Ich glaube nicht, dass es hilfreich ist sich ein Banner zu setzen und damit für alle erkennbar ein Zugehörigkeit zu definieren. Ich bin der Ansicht, dass man jeglichen Symbolen entschieden entgegentreten muss, denn auch in der „Arbeitslosigkeit“ sind wir doch alle individuell unterschiedlich. Im Kampf gegen die Drangsal durch mächtige Gruppen braucht es keine Symbolik, sondern millionen Stimmen mit klaren Argumenten. In dieser Sache, Christl, leisten Sie ja einen guten und wichtigen Beitrag – wie auch die meisten Follower hier. Lassen Sie uns darauf konzentriert bleiben und uns nicht in Symbolik verlieren.

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  8. @Weisser Riese:
    Ihre Argumentation scheint mir nicht in allen ihren Punkten stichhaltig zu sein.
    Auch wenn ich den Bogen zum Zweiten Weltkrieg ganz weit spanne (und hoffentlich nicht überspanne):
    Hatte eine Sophie Scholl nicht allen Ruhm und Ehre verdient im Kampf gegen Hitler und einen Nationalsozialismus, den ausgerechnet sie sich sicher ganz zuletzt herbeigewünscht hatte, geschweige denn ihre Exekution?
    Und auch unter weit weniger dramatischen Umständen, geht es doch gerade darum im Leben, dass wir den vermeintlichen Schicksalsfaellen oder höheren, von uns nicht erwünschten Mächten bestmöglich zu erwidern haben. Was kommt wirklich aus uns als Antworten auf Fragen, die das Leben stellt?

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    1. aber das ist doch gar nicht miteinander vergleichbar. Gibt es ein Zunftzeichen für Widerstand? Dann hätte die RAF (nicht die Royal AirForce) sicher ein Copyright und wäre Avantgarde. – Es bleibt natürlich festzuhalten, dass der Einsatz der Geschwister Scholl alle Ehren wert ist.

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  9. Und ob wir wollen, oder nicht, es wird uns immer etwas mit der Gesellschaft verbinden, in der wir gerade leben. Das ist das verbindende Element – weshalb wir eben nicht uns auf den Standpunkt stellen können: Dieses oder jenes geht mich in meinem innersten Wesen rein gar nichts an.
    Die Sprachen bestehen aus lauter Symbolen: wir kommen gar nicht um sie herum, wie ebenso grundsätzlich festzuhalten wäre! Die Frage ist nur, wählen wir gute oder schlechte, wo wir wählen können und wie und wie ausschließlich sind wir damit identifiziert?

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    1. mir geht es nur, um die Feststellung, dass das auch richtig von Ihnen angeführte, keines Zunftzeichens bedarf und auch völlig außerhalb der Tradition von Zunftzeichen liegt – also auch nicht rechtfertigt.
      Sich identifizieren ist der Vollzug von Assimilation. Assimilation, da werden Sie mir zustimmen, ist eine der Säulen, die Bestehendes stützen.
      Dass wir aber ein System von Repressalien gegen Menschen, die meist ungewollt zur lästigen Randgruppe definiert wurden, nicht stützen wollen, ist hoffentlich unser gemeinsames Ziel.

      Alles darüber hinaus gehende an philosophischen Betrachtungen über mittelalterliche Feudalsysteme und eigene Spekulationen über die Erblichkeit, halte ich – man möge mir diese Meinung nachsehen – für müßig und wenig zielführend. Ich lehne ein Zunftzeichen als unbegründet ab – verschreibe mich aber weiterhin dem Kampf gegen die menschenverachtende, entwürdigende Sicht und Praxis des Neoliberalismus und seinen Auswüchsen. Wirtschaftswert des Menschen (human capital) contra Wertschätzung eines Menschen. Für Letzteres braucht es unseren Einsatz, unsere lauter werdenden Stimmen und unser konsequentes Bekenntnis für einen gesellschaftlichen Sinneswandel im Sinne einer Neubesinnung.

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  10. Weisser Riese, sie schrieben:

    „Es gibt keinen Grund, stolz auf den erzwungenen Kampf ums Überleben, gegen ein Bürokratiemonster zu sein.“

    Der Satz ist so gerade vor dem Kontext der Geschichte einfach falsch, und nur darauf war abgezielt.
    Den Rest kann ich weitestenteils sehr gut nachvollziehen, und weiter will ich auch nicht gehen (bis auf ein paar allgemeiner gefasste Gedanken).

    Viele Grüße!

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