Kommentare zum Armutsbericht des Paritätischen

Der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (nicht zu verwechseln mit dem Armuts- und Rechtumsbericht der Bundesregierung) ist heute erst präsentiert worden (und ich habe ihn selbst noch nichtmal gelesen), da hört man schon das Geschrei.

Drum geh ich mal ganz spontan und ungeordnet auf ein paar Kommentare ein.

Irrlichter

Armut kann angeblich nicht prozentual berechnet werden, weil man müsse konkrete Notlagen betrachten

Der Fokus hat schon einen „Experten“ am Start. Derselbe wird auch mit dem gleichen Schmu von der FAZ zitiert, das lief wohl über ein „RedaktionsNetzwerk Deutschland“, scheint eine Art alternativer Presseagentur zu sein.

Es handelt sich um den Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik Walter Krämer. Der ist als Statistiker mitnichten ein „Experte“ dafür, Armut qualitativ zu beurteilen. Statistik befasst sich mit den Zahlen. Was davon hinterher zu halten ist, darüber kann sie keine Auskunft geben. Er hat auch nicht Soziologie oder etwas Ähnliches studiert, sondern Mathematik und Wirtschaftswissenschaft.
Laut Wikipedia hat er den „Verein deutsche Sprache“ (Übermedien: „eine Art Sprach-Pegida“) gegründet und ist Autor der „Achse des Guten“ (taz: „Scharf rechts abgebogen“).
Das Handelsblatt schrieb 2012 über ihn: „Der „Spiegel“ stelle ihn aber als mediengeilen Dummschwätzer da. „Diesen Redakteur könnte ich erwürgen und an die Wand klatschen“, so Krämer.“ Und jetzt kommentiert dieser Typ eben den Armutsbericht – kchchch.

Einziges erkennbares Sachargument: Armut über „bloße Prozentwerte“ (gemeint: am mittleren Einkommen) festzumachen, sei zu kurz gegriffen, man müsse auch konkrete Notlagen betrachten.

Diese Kritik läuft allerdings ins Leere, wie schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis des kritisierten Berichtes zeigt: „Die Lebenssituation von Menschen in Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot – S.85“, „Armut und Gesundheit – S.98“ heißt es da zum Beispiel.

Die Tagesschau hat im Gegensatz zu mir schon reingelesen: Arme Menschen sterben acht bis zehn Jahre früher.

Woher will man das wissen? Dafür braucht man eine Definition von Armut, sonst findet man ja nicht heraus und kann nicht benennen, welche Leute jetzt früher sterben und welche länger leben. Ob man Armut relativ oder absolut messen soll, da gibt es für beide Ansätze Argumente – sogar auch richtig echte Sachargumente. Persönlich halte ich die Fragestellung aber schon für problematisch, weil ich nicht sehe, warum man nicht beides betrachten soll, und das hielte ich für das Aufschlußreichste.

Krämer findet aber, man kann Armut gar nicht definieren ohne Bedarfe festzulegen, Warenkörbe zu erstellen und alles regelmäßig zu aktualisieren.

Das würde das Problem natürlich noch stärker auf die individuelle physische Existenz reduzieren.

Dennoch, behauptet Krämer ohne Belege, sei die Armut in Deutschland sogar gesunken.

Unseriös, schwachsinnig, nicht ernst zu nehmen

Das sind die weiteren Kritikpunkte von Krämer, damit will er sagen, daß er sein argumentatives Pulver schon verschossen und sonst nichts weiter zu bieten hat.

Ungleichheit zwischen ehemaliger Bundesministerin und Bill Gates

Ohne Witz, das hat Kristina Schröder (CDU-Bundestagsabgeordnete und Ex-Ministerin) heute zum Thema getwittert:

Es ist natürlich schön, daß man auch was zu lachen hat. Doch leider muß man auch gegen solche Bizarrereien argumentieren, weil es gibt immer Leute, die sowas ernst nehmen. Und dabei verrenkt man sich echt das Gehirn, deswegen ist diese Art Bullshit so effektiv.

Also: Es geht beim Armutsbericht, Überraschung, um Armut. Nicht um Ungleichheit. Armut wird heutzutage zwar relativ gemessen, nicht absolut. Dabei wird eine Grenze gesetzt (unter 60% des Median-Einkommens, und nicht des Durchschnittseinkommens), und wer darunter liegt, gilt als arm, oder als armutsgefährdet.

Dabei macht es keinen Unterschied, wie steil die Kurve auf beiden Seiten des Medians abfällt oder aufsteigt. Ungleichheit kann man schon deswegen so nicht messen.

Zum Vergleich: Um Ungleichheit geht es zum Beispiel hier (Oxfam-Webseite).

Aber selbst, wenn es genau um Ungleichheit ginge, wäre der Kommentar in der Sache nicht hilfreich, unqualifiziert, zynisch und einer gewählten Politikerin unwürdig. Ungleichheit ist mitnichten allein für die Ärmsten problematisch, sondern sie gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Demokratie, die Wirtschaft und schadet somit allen.

Ich kann nicht glauben, daß eine ehemalige Bundesministerin das nicht unterscheiden kann. Ich kaufe ihr eine derartige Inkompetenz nicht ab. Mein Eindruck ist: Sie will uns verscheißern.

Nahles schießt den Vogel ab

Die SPD hat Hartz IV eingeführt und mit ihrer ganzen scheiß Agenda 2010 Armut nicht nur gefordert, sondern massiv gefördert und gegen die Bevölkerung durchgesetzt.

Nahles hat erst letztes Jahr Hartz IV nochmal verschärft, mit einem Gesetz, welches sie der Öffentlichkeit zynischerweise als „Rechtsvereinfachung“ andrehen wollte.

Und jetzt moppert Nahles, ohne Scheiß, daß der paritätische Wohlfahrtsverband diese Armut nicht detailliert genug mißt? Ernsthaft?

Kann aber ihre eigene Armutsberichterstattung nicht gegen den selbstgewählten Koalitionspartner durchsetzen?

Glaubt Ihr nicht? Da, in der FAZ. Die Äußerungen wurden anscheinend von ihrem Ministerium Reuters gegenüber gemacht.

Unglaublich.

Zum Weiterlesen

Übrigens, zum Mythbusting beim Thema Armut zwei Publikationen aus der empfehlenswerten Reihe Luxemburg Argumente der Rosa-Luxemburg-Stiftung, zum herunterladen:

Gerechte Armut? Mythen und Fakten zur Ungleichheit in Deutschland

und

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3 Gedanken zu “Kommentare zum Armutsbericht des Paritätischen

  1. Gott schütze uns vor der (Fortführung aller) Fachidiotie! soweit mein Kommentar dazu.
    Wer nicht an Gott glaubt, fühle sich doch so frei, den Satz sinngemäß abzuwandeln!

    Gefällt mir

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