Jugendberufsagenturen

In Jugendberufsagenturen werden nicht ausschließlich solche Jugendliche vom Jobcenter „betreut“, die von Sozialleistungen leben, sondern alle.

Anläßlich einer Frage auf Twitter hatte ich mal einige kritische Texte und Erfahrungsberichte dazu zusammengesammelt.

Diesen Beitrag habe ich vor einigen Monaten auf Friendica gepostet. Mein dortiges Profil wird aber bald entsorgt, weil ich dort nicht mehr aktiv bin. Hier ist der vollständige Beitrag:

Jugendberufsagenturen und ein weiteres Experiment: Friendica als Midi-Blog

1.) Vermutlich werde ich hier wenn, dann eher bloggerische Selbstgespräche führen, weil fast alle meine 3 Follower mir bis auf einen sowieso auch bei Quitter folgen (fast alle von 3 sind also 2).

2.) Also mein heutiges Selbstgespräch handelt von Jugendberufsagenturen, und was die Jobcenter so mit Jugendlichen machen, und zwar deswegen, weil ich für Twitter für jemanden nen Haufen Links dazu zusammengesammelt habe, und die sammel ich hier einfach nur nochmal zusammen, weil das alles auf Twitter so schnell nach hinten rutscht.

a) Jugenberufsagenturen

Die gibt es schon z.B. in Hamburg und Bremen, und das Ziel ist, daß die Arbeitspolizei ALLE Jugendlichen unter ihre autoritäre Fuchtel bekommt und nicht nur diejenigen, die oder deren Eltern HartzIV beziehen.

Das Thema Arbeitslosigkeit knallt inzwischen nicht mehr so, weil es gelungen ist, genügend Menschen einzureden, daß sie ein individuelles Problem zu dummer und fauler, pardon ungebildeter unmotivierter Einzelpersonen ist und nichts mit Politik oder Wirtschaft zu tun hat.

Jetzt treten eben einzelne Arbeitslosigkeiten in den Vordergrund, so die Jugendarbeitslosigkeit. Und da geht eben jetzt wieder dasselbe Spiel: Die Jugendlichen sind schuld, und die Arbeit, jeder und jedem Jugendlichen einzeln die Schuld an der Jugendarbeitslosigkeit nachzuweisen, die sollen die Jugendberufsagenturen machen.

Dafür sollen die Jugendämter, Schulen und Jobcenter ihre Klamotten zusammenschmeißen, also ihre Machtpositionen und ihre Daten über die SchülerInnen. Das Ganze kommt mir noch dreckiger vor als ein „normales“ Jobcenter.

Hier sind einige kritische Texte über diese Jugendberufsagenturen:

http://einmischen.info/joomla2.5/index.php/themen-ttp/arbeitsfelder-unter-den-heutigen-bedingungen/jugen-politik-soziale-arbeit/jugend-politik-soziale-arbeit-diskussion/1256-jugendberufsagenturen-fortschritt

http://docplayer.org/15532012-Die-auswirkungen-von-hartz-iv-auf-hilfen-zur-berufseinmuendung-fuer-junge-menschen-prof-dr-helga-spindler.html

http://bremerbuendnissozialearbeit.jimdo.com/aktionen-fachtage/jugendberufsagenturen-und-sanktionen-gegen-unter-25-j%C3%A4hrige/

Graffito: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne"
Quelle: Pixabay

b) Betroffene berichten

Die ursprüngliche Frage auf Twitter war: „Ist es die Regel, das 15jährige, von Hartz IV lebende Gymnasiasten Vorladungen vom Jobcenter kriegen!?“

Da hätte ich auch einfach mit „ja, und zwar schon seit der Scheiß eingeführt wurde“ antworten können, statt etliche Links rauszusuchen und die armen Menschen damit zu bombardieren. Ist mir aber erst hinterher eingefallen.

Zu der Frage hab ich ein paar öffentlich bekanntgewordene Beispiele rausgesucht.

2008:

http://www.anwalt-kiel.com/sozialrecht/jobcenter-kiel-eingliederungsvereinbarungen-schueler/

http://www.chefduzen.de/index.php?topic=15661.0

2010:

http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/jobcenter-in-der-kritik-hartz-iv-schueler-fuehlen-sich-zu-ausbildung-gedraengt-a-707608.html

2012:

http://www.gutefrage.net/frage/darf-job-center-schulzeugnis-verlangen

2013:

http://elo-forum.info/index.php/Thread/3451-Sch%C3%BCler-EGV/

http://www.taz.de/!5055411/

http://www.spiegel.de/schulspiegel/kritik-an-jobcentern-kinder-von-hartz-iv-empfaengern-unter-druck-a-933418.html

2016:

http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/hartz-iv-strafen-gegen-15-jaehrige-schueler.php

c) Sanktionen gegen Jugendliche

Man muß knallhart sagen, daß Sanktionen gegen Jugendliche sich mehr lohnen als gegen Erwachsene. Erstens ist der anfängliche Sanktionsbetrag höher, man kann schon mit 100 % einsteigen, bei der zweiten Sanktion ist dann auch die Miete weg. Bei allen über 25 Jahre ist vor der Vollsanktion und dem Entzug der Miete eine weitere Stufe vorgesehen.

Weil das alles so wenig bekannt ist, hatte ich dazu mal eine Infografik verfaßt:

https://jobcenteraktivistin.wordpress.com/2016/05/23/infografik-jobcenter-100-sanktionen-miete-kuerzen/

Zweitens gibt es ja auch die Chance, daß die Betroffenen nach einem solchen Erlebnis gar nicht wieder kommen, und nie wieder was mit Behörden zu tun haben wollen, auch wenn sie dann womöglich lieber stehlen, betteln oder sich prostituieren.

Dazu kommt, daß viele Jugendliche einfach noch nicht so viel Erfahrung mit der ganzen Niedertracht der Welt gemacht haben, und selbst Erwachsenen fällt es ja schwer bzw. manche haben auch einfach keinen Bock, die ganze Widerwärtigkeit des HartzIV-Systems zu realisieren, was eine Voraussetzung für effektiven Widerstand und Gegenwehr ist.

Bei Minderjährigen kommt noch ihre eingeschränkte Rechtsposition dazu: Sie können sich eigentlich nur dann wehren, wenn ihre Eltern da auch Bock drauf haben. Die Wahrscheinlichkeit, daß beide Generationen Bock auf den Behördenkrieg haben, ist dann schätzungsweise nur halb so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, daß eine Person das will. Schließlich haben junge Menschen noch den Nachteil, daß sie nicht nur wegen ihres Leistungsbezuges diskriminiert werden, sondern obendrein wegen ihres Lebensalters. Und in der Schule sind sie schon einem autoritären System ausgesetzt, das nach oft undurchschaubaren Gesichtspunkten versucht, in die Persönlichkeit und die Zukunft jeder Einzelnen einzugreifen.

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11 Gedanken zu “Jugendberufsagenturen

    1. Boah das wußte ich nicht. Wie kraß. Können die Eltern da eigentlich das Einverständnis verweigern? Meines Wissens wurde das mal unter Erwerbslosen diskutiert, als Möglichkeit der Gegenwehr. Den Kindern wird (so habe ich es vom Hörensagen in Erinnerung, es ist also alles andere als eine verläßliche Info) ein Zettel mitgegeben, nach dem Motto: „Ach und das müssen Eure Eltern dann noch unterschreiben“. Und in Wirklichkeit *muß* man gar nix unterschreiben, und es ist eine Datenschutzfreigabe, die dem Jobcenter erlaubt, in Angelegenheiten des Kindes herumzuschnüffeln, die das Jobcenter nix angehen (z.B. psychologische Dinge).

      (Ich kann mir vorstellen, daß Eltern und Kinder da auch unter Druck geraten können, und man muß echt selber wissen, ob man sich den Stiefel anzieht und das verweigert oder nicht, ich würde da niemand unter Druck setzen wollen. Ich frag eher deswegen, weil mich interessiert, wie das konkret abläuft.)

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      1. Ja man bekommt einen Zettel wird aber vom Berufsberater bearbeitet das auch ja zu unterschreiben wäre gut für den Jugendlichen und Schule übt auch Druck aus…..aber ich gehe mit , dass ich sehe was da abläuft. Das habe ich mir nicht ausreden lassen

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    1. Das macht mich auch wieder völlig fassungslos, wütend und traurig zugleich – die armen Kids. Blöd natürlich auch für die Eltern.
      Es ist ein weiteres trauriges Beispiel dafür, wie das Jobcenter sich gesamtgesellschaftlich schon etabliert hat und weiter zu etablieren versucht. Und zudem ein Beispiel dafür, wie Institutionen eine Jobcenter-Hörigkeit an den Tag legen.

      Mir fällt da gerade ein weiteres Beispiel zur Jobcenter-Hörigkeit von Institutionen ein, ich hoffe, dass ich damit nicht zu sehr abschweife: zieht man als Erwerbsloser in eine andere Stadt um, ohne die finanzielle Hilfe des Jobcenters in Anspruch zu nehmen, tätigt man also einen so genannten nicht genehmigten Umzug, so verlangen viele Wohnungsgesellschaften dennoch eine Genehmigung des Umzugs vom Jobcenter. Sonst hat man von deren Seite keine Chance auf eine Wohnung. Da kann man denen plausibel die Gesetzeslage darlegen, nämlich dass man bei „nachgewiesener Erwerbslosigkeit“ ja Anspruch auf ALG II hat und damit auch auf die Übernahme der Kosten der Unterkunft, das interessiert die von den Wohnungsgenossenschaften nicht, die wollen ihre Genehmigung vom Jobcenter. Auch das ist so ein Beispiel eines vorauseilenden Gehorsams von Institutionen dem Jobcenter gegenüber.

      Zurück zu den Kids: ich frage mich da, welche Auswirkungen das dann langfristig für deren Seele hat. In der Schule soll ja eigentlich ein Demokratieverständnis entwickelt werden und die müssen aber von Kindheit/Jugend an diktatorische Mechanismen erleben.
      Das geht mir aufgrund von DDR-Vergangenheit reichlich nahe, wo es ja auch ständig in der Schule z.B. diese Verbiegungsmechanismen gab bzw. den so genannten freiwilligen Zwang – wie hier bei den Kids und Eltern mit „freiwilliger“ Unterschrift und gleichzeitiger subtiler Androhung von Repressalien, wenn sich die Kids nicht „freiwillig“ dieser Prozedur unterziehen.

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      1. Ich kann da immer nur an meine Jugend denken. Wir hatten so was nicht. Heute wird man sofort mit dem Arbeitsamt konfrontiert. Wir hatten bitterböse Gespräche mit den Berufsberater der für meinen Sohn zuständig ist.

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        1. Ja, und dann kommt noch dazu, dass die Youngsters heute schon ‚zig Bewerbungen schreiben müssen für Lehrstellen und dann ja auch wieder viele Absagen bekommen. Und sie zum anderen in der Schule gefragt werden, was sie beruflich werden wollen, aber die Möglichkeiten ja von vornherein schon sehr eingeschränkt sind. Zwänge und Anpassungsdruck von Anfang an, das fördert leider nicht gerade den Mut zum aufrechten Gang.

          Und zu dem „zuständig(em) Berufsberater“: es fällt auf, dass wir zunehmend in einer Kultur leben, in der ständig an den Menschen herumerzogen wird. Immer weniger bezahlbare Arbeit, aber immer mehr Berater und Vermittler und Coaches, die einem beibringen sollen, wie man das ungelebte Leben meistert. Das läuft auch wieder darauf hinaus, was Christel T. in Ihrem Artikel ansprach, dieses Zurückführen des Scheiterns auf das einzelne Individuum unter Ausblendung des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhanges.
          Wenn das so weitergeht, kommen irgendwann auf eine Person 10 Betreuer, Berater, Erzieher, Vermittler und Coaches gleichzeitig. Hat man z.B. Probleme mit seinem Arbeitsvermittler, so wird einem dann vielleicht bald ein Coach zur Seite gestellt, der den besseren Umgang mit dem Arbeitsvermittler schult. Oder Deinem Sohn wird womöglich ein Coach zur Seite gestellt, der ihn erziehen soll, wie er gut gelaunt durch die üblen Gespräche mit dem Berufsberater kommt.

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          1. Du wirst lachen, ich hab mal an einem Seminar teilgenommen, wo Erwerbslose letztlich lernen sollten, Konflikte mit den Jobcenter-Beschäftigten zu entschärfen und zu managen. (Das ging aus der Beschreibung nicht so recht hervor, sonst hätte ich nicht teilgenommen, das war jetzt kein Zwangskurs oder so).

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  1. Sollte sich das herumsprechen und nicht sofort ein massiver Proteststurm losbrechen in unserer Gesellschaft, habe ich endgültig den Glauben daran verloren.
    Hier müsste der Jugendschutz und viele weitere Schutzmassnahmen greifen.
    Die hier betroffenen Leute stecken teilweise noch sehr in der Entwicklung (was wohl auch beabsichtigt ist) und man verkrüppelt und bricht so nachhaltig junge Seelen.
    Schluss! Ende! Aus!

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