Das Gebet gegen die Arbeit

Das Gebet gegen die Arbeit wird seit Jahren am 2.Mai gebetet, dem Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen.

Anders als viele Aussagen zum Thema, die als widerständig durchgehen, aber letztlich nur betonen, daß Erwerbslose überzogene Forderungen nicht erfüllen können, befaßt sich das Gebet gegen die Arbeit mit dem Moment, in dem Erwerbslose (und alle anderen) das auch nicht wollen.

Gebet gegen die Arbeit, von Michael Stein. Arbeit / Geißel der Menschheit /  Verflucht seist Du bis ans Ende aller Tage / die Du uns Elend bringst und Not / Uns zu Krüppeln machst und zu Idioten / Uns schlechte Laune schaffst und unnütz Zwietracht säst / Uns den Tag raubst und die Nacht / Verflucht seist Du / Verflucht / In Ewigkeit / Amen

Hier ist das Gebet in verschiedene Sprachen übersetzt.

Michael Stein (1952 – 2007), Musiker, Kabarettist und Autor, hat das Gebet gegen die Arbeit etwa 1998 verfaßt.

Er war meinen Ermittlungen zufolge eher so der Typ, wo man sich fragt, ob man jetzt wirklich ernsthaft gerade einen Text von ihm featured.
Hier ist sein literarisches Werk versammelt.

Aus einem Nachruf:

„Ich glaube, er war bei den Kollegen beliebter als im Publikum.
Wenn etwas beim Publikum zu gut ankam, hörte er damit auf. Der Erfolg war ihm verdächtig, jedenfalls wenn er selbst ihn hatte.
Er verprellte mit steilen Thesen, rassistisch, sexistisch, antisemitisch. Speaker’s Corner.
Der Schoko-Laden verhängte ein Hausverbot gegen ihn. Wir verlängerten das Mikrofonkabel und reichten das Mikro zum Fenster hinaus. Draußen auf dem Gehweg stand Stein, die Nase am Fenster, und predigte.
Gewalt als beschleunigter Dialog.
„Einer von uns beiden ist zu viel in dieser Stadt. Geh du!“ – „Nein, ich!“
(…)
Manchmal kam er einfach nicht zur Vorstellung. Oft. Er war der einzige Kollege, dem man das verzieh. Man freute sich, wenn er doch kam.
Beim Benno-Ohnesorg-Theater las er aus einem Buch über den Aufstand in Sobibor oder Auschwitz oder Treblinka. Er erläuterte, er blätterte vor, zurück, las weiter. Nix mit ‚ptsache lustick. Er las zehn Minuten, las eine viertel Stunde. Lustig war es auch nicht. Stein las zwanzig Minuten. Zuschauer gingen aus dem Saal. Stein las eine halbe Stunde, der Saal leerte sich. Droste saß ungläubig grinsend daneben und mischte sich nicht ein.
Auflehnung. Sich nicht zum willfährigen Idioten machen lassen. Der Kampf gegen die Scheinwelt. Kein Entertainment mit bewährten Maschen. Auch dafür liebten ihn die Kollegen.“

Hier ein weiterer Nachruf von Michael Steins Kollegen Heiko Werning, den empfehle ich, ganz zu lesen.

In diesem Video sieht man Michael Stein, wie er im März 2003 bei den Surfpoeten gemeinsam mit dem Publikum das Gebet gegen die Arbeit betet.

Später wurde das Gebet gegen die Arbeit zu einem wichtigen Bestandteil des Kampf- und Feiertags der Erwerbslosen. Mit Parolen wie „Kein Schweiß für Geld“ oder „Wir haben Zeit“ findet jedes Jahr am 2. Mai in Berlin (inzwischen auch an anderen Orten) eine kraftvolle Demonstration statt.

Aus einem Aufruf: „Kommt also alle! Kämpft mit uns für eine Welt in welcher der Mensch sich endlich befreit haben wird von der Geißel des Zwangs zur Lohnarbeit. Für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Für ein solidarisches Miteinander von Mensch und Maschine. Mein Freund ist Roboter! Für Automatisierung und Evolution! Wer essen will soll nicht arbeiten müssen. Dies ist unsere Vision. Dafür gehen wir auf die Straße.“

Dieses Video dokumentiert den ersten Kampf- und Feiertag der Erwerbslosen 2005:

Beim diesjährigen Kampftag hat Karsten Krampitz dann auch mal öffentlich eine Stelle abgelehnt, dokumentliert von der emanzipatorischen Linken.

Eine Zusammenfassung mehrerer Berichte der diesjährigen Veranstaltung gibt es auf labournet.

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6 Gedanken zu “Das Gebet gegen die Arbeit

  1. Ähm… ich denke, es sollte („das Kind nicht mit dem Dreck, der im Badewasser schwimmt, ausgeschüttet“ und) unterschieden werden zwischen Arbeit und ‚Arbeit‘, also der bes. im Kapital(fasch)ismus auftretenden oder sogar vorherrschenden entfremdeten (i.psychol.Sinn) (Lohn-Sklaven)-‚Arbeit‘.

    „LIEBE, ARBEIT UND WISSEN SIND DIE QUELLEN UNSERES LEBENS.
    – SIE SOLLTEN ES AUCH BEHERRSCHEN.“
    — Wilhelm Reich (1897-1957)

    „Arbeit ist sichtbar gewordene Liebe. /
    Work is Love made visible.
    And if you cannot work with love but only with distaste,
    It is better that you should leave your work
    And sit at the gate of the temple
    And take alms of those who work with joy.“
    — Khalil Gibran (1883-1931) „The Prophet“

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    1. Ganz recht, Differenzieren ist gut!
      Bin ich auch voll dafür.
      Finde es aber auch gut, daß das Gebet gegen die Arbeit u.Ä. erstmal reingrätscht und damit erst nach dieser Seite hin Raum schafft für eine differenzierte Sichtweise, mit der es sonst noch schwieriger wäre.

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  2. Ich denke es lohnt, scharf hinzuschauen. Es heißt „Das Gebet gegen DIE Arbeit“ und nicht: „Das Gebet gegen Arbeit“, womit bereits eine besondere Form jener angedeutet ist.
    Wer in tiefer Andacht versunken ist, der arbeitet bereits, oder besser: in dem arbeitet es, weshalb man sich ja nur in Widersprüchen verstricken würde.
    Nicht umsonst gibt es so viele Formen der Muße, wie Formen der Arbeit. Zwei verschiedene Seiten einer Medaille. Idealerweise fließt beides ineinander zusammen, so z.B bei Meditierenden.

    „…And if you cannot work with love but only with distaste,
    It is better that you should leave your work
    And sit at the gate of the temple
    And take alms of those who work with joy.“

    Es geht hier um den Wert der in die Welt eingeströmten (und von einem wieder ausströmenden) Liebe, den man empfängt anstelle klingender Münzen, so jedenfalls verstehe ich das.
    Als Symbol vielleicht auch von den Kirchen bzw. Tempel herstammend, vor denen Bettler (Bedürftige, Bittende, Betende) hockten.
    Alles Produktive, alles, was Bestand haben soll, ist die Liebe, so gut wie die aus Fels erbauten heiligen Gemäuer.

    Verzeihung, wenn ich zu ausschweifend geworden bin !?

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  3. Vor langer Zeit schon entdeckt: The Abolition of Work von Bob Black. Der Text dürfte wohl so aus den 1960er oder 1970er Jahren stammen. Ich hatte ihn auch schonmal ins Deutsche übersetzt, aber ich finde die Übersetzung leider nicht mehr. Es gibt aber glaube ich bereits Übersetzungen im Netz.

    Gefällt 1 Person

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