#hollerkaputt: Überraschung, es gibt Menschen ohne Krankenversicherung

Ich blogge hier seit Jahren gegen Sanktionen und Schikanen vom Jobcenter, und fürs Stammpublikum ist es keine Nachricht, daß bei Vollsanktionen auch die Krankenversicherung weg ist, was dann wegen der aufgelaufenen Rückstände auch wieder einen negativen Einfluß auf die berufliche Eingliederung hat.

Hat man nämlich Beitragsschulden und ist im ALG-II-Bezug, bekommt man eine normale medizinische Versorgung, arbeitet man aber, und hat Beitragsschulden, dann eben nicht.

Die Sanktionen sollten angeblich entschärft werden im Zuge des Rechtsverschärfungsgesetzes, welches irrtümlich irreführend als Rechtsvereinfachungen bezeichnet wird.

Tja, war ne kleine Verarsche, Sanktionen bleiben wie sie sind.

Wer vollsanktioniert ist, hat die Möglichkeit, auf dem Bauch ins Jobcenter zu kriechen und bei dem Arschloch, das die Sanktion verhängt hat, um Lebensmittelgutscheine zu betteln, und wenn diese gnädig erteilt werden, dann läuft auch die KV weiter, sonst nicht.

Allerdings kann man Erwerbslose nicht zu dieser ultimativen Demütigung zwingen.

Diese abstoßende Konstruktion stellt lediglich einen Vorwand dar, Erwerbslosen wiederum Schuld zuzuweisen, und es finden sich auch immer welche, die ganz scharf drauf sind, die Gelegenheit zu nutzen und ihre Ressentiments kundzugeben.

Hartz IV ist sehr gezielt darauf angelegt, solchen Schuldzuweisungen und Ressentiments breiten Raum zu geben.

Und jetzt kommt Claudius Holler und ist gut vernetzt und beliebt und hat auch keine Krankenversicherung (aus einem anderen Grund), und muß es öffentlich machen, weil er wegen einer Erkrankung Geld für medizinische Hilfe braucht.

Das Video mit seinem Spendenaufruf ist hier, die Kohle ist meines Wissens schon zusammengekommen:

Jetzt sind alle voll schockiert, daß es Menschen ohne Krankenversicherung gibt, dabei ist KV doch Pflicht, einself*!!!

Neben vielen positiven Reaktionen muß Holler sich auch wegen seiner fehlenden KV einige Sprüche anhören, die verdächtig nach demselben Stuß klingen, den auch Erwerbslose zu hören bekommen.

Zum Beispiel:

„wenn eine KK über 9000€ nachfordert, ist das sehr wohl selbstverschuldet“

„Nun .. natürlich hat man für seine Versicherung zu sorgen, Post zu öffnen, …“

„Ähm…du hast selber bewusst auf deine Krankenversicherung verzichtet. Da ist kein Missstand.“

Und das ist überhaupt kein Zufall, denn das Thema Krankenversicherung ist in Deuschland nach demselben Prinzip geregelt wie das Thema Arbeitslosigkeit: Schuldzuweisung an die Betroffenen statt Erfüllung staatlicher Aufgaben.

In 2007 sollte etwas dagegen unternommen werden, daß zu viele Menschen keine KV haben.

Kosten sollte es aber nix.

Also hat man einfach beschlossen: Die Leute werden eben verpflichtet, sich zu versichern! Wer nicht versichert ist, ist somit im Unrecht und böhse und ist nämlich ihrer Pflicht nicht nachgekommen, nämlich, einself!!!

Und wer hier jetzt wieder „Fehlleistung“ rufen will, bitte mal drüber nachdenken, ob man wirklich eine derart uferlose Dummheit unterstellen will, zu glauben, durch eine solche Verpflichtung würde das Geld für die Beiträge auf magische Weise erscheinen.

Um zu beweisen, daß Menschen ohne KV auch wirklich ganz ganz böhse Sozialschmarotzerinnen sind, müssen sie natürlich auch bestraft werden. Das passiert durch Säumniszuschläge.

Zunächst waren das fünf Prozent des geschuldeten Beitrages, allerdings: pro Monat! Also stattliche 60 Prozent pro Jahr. Deswegen ist es wichtig, daß das Ding Säumniszuschlag heißt und nicht Zinsen, denn sonst wäre es ja fies!

Inzwischen ist es nur noch ein Prozent pro Monat, das sind zwölf Prozent pro Jahr, eine besondere Wohltat der vorigen Bundesregierung als kleines Wahlgeschenk zur letzten Bundestagswahl.

Außerdem können Menschen, pardon, Sozialschmarotzerinnen, nicht einfach wieder angeschissen kommen, wenn sie wieder genug Geld haben. Man muß, wenn man zum Beispiel eine versicherte Beschäftigung aufnimmt, die laufenden Beiträge zahlen, plus die ausstehenden Beiträge, plus die Säumniszuschläge, und bekommt trotzdem keine vollen Leistungen, sondern nur Notversorgung, bis alles abbezahlt ist.

Da freut sich auch die Arbeitgeberin, die die laufenden Beiträge anteilig zahlt, ohne für die Beschäftigten Leistungen zu bekommen!

Somit hat man ein weiteres Problem im Zusammenhang mit Armut auf ganz elegante Weise gelöst, ohne einen Cent Steuergeld auszugeben.

Für privatversicherte, die die Beiträge nicht zahlen können, gibt es eine Art Sozialtarif, aber mit dem bekommt man dann auch bloß ne Notversorgung.

Und das Problem mit dieser Notversorgung ist für alle davon betroffenen Gruppen, daß man mit einer Behandlung immer warten muß, bis wirklich ein Notfall eintritt, was neben den gesundheitlichen Folgen auch noch teurere Medizin ist.

Um das Problem realpolitisch zu lösen und nicht magisch, ist kein politischer Wille vorhanden, und somit auch kein Weg.

Aber mit dem Finger auf andere zeigen.

Hier mal ein paar Zahlen:

Es gibt in Deutschland etwa 300.000 Wohnungslose. Man weiß das durch die Arbeit der Wohlfahrtsverbände. Bundes- und die meisten Landesregierungen hoffen, die Wohnungslosigkeit würde irgendwie weggehen, wenn man sich einfach weigert, eine Wohnungslosenstatistik zu führen. Mehr magisches Denken.

Erschwerend kommt hinzu, daß Wohnungslosigkeit normalerweise als Verhalten der Betroffenen gesehen wird, die somit wieder schuldig und böhse sind, anstatt sie als den Mangel an einer Wohnung zu begreifen.
Auf diese Weise (unter anderem) wird individuelle Wohnungslosigkeit sogar oft von Behörden verschuldet.

Es gab schon in 2013 nach einer Hochrechnung des IAB etwa 3 bis 5 Millionen Menschen, die einen Anspruch auf Hartz IV haben, die Leistung aber nicht in Anspruch nehmen.
Als Grund wird meist unhinterfragt und unbewiesen Scham angegeben. Und tatsächlich wird in den Jobcentern ja massiv mit Beschämung der Betroffenen gearbeitet, und der Rest der Gesellschaft hilft kräftig mit. Ressentiments gegen Erwerbslose sind noch weiter verbreitet als rassistische Ressentiments.

Weiter ist es üblich, zu behaupten, diese Leute würden alle zumindest etwas verdienen, zum Beispiel in Minijobs. Das kann ich aus meinem Umfeld so nicht bestätigen, schon gar nicht für die ganze Gruppe.

Die vielen Selbständigen und Freiberuflerinnen, die sich keine KV leisten können, dürften auch in diese Gruppe gehören, und wenn die alle Insolvenz anmelden würden, wie es z.B. Claudius Holler auch nahegelegt wurde, dann würde das ein hübsches Loch in die Wirtschaft machen.

Dabei lassen sich (Schein-)Selbständige und Freiberuflerinnen so schön ausbeuten. Auch vom Staat.

Zudem ist vielfach belegt und dokumentiert, daß die Jobcenter versuchen, Leistungsberechtigte mit allen Mitteln aus dem Bezug zu drängen, unabhängig davon, ob diese Mittel jetzt so wahnsinnig legal sind oder nicht. In der Deckung der weit verbreiteten Ressentiments geht das eben. So ist eine solche Zahl gar nicht verwunderlich.

Das ist auch politisch so gewollt, denn die Jobcenter müssen sich im Vorhinein festlegen, wie viele Leistungen sie jedes Jahr auszahlen.

Wenn dabei jemand den Krankenversicherungsschutz verliert, ist die Person eben ihrer Pflicht nicht nachgekommen, die Beiträge zu zahlen, so wie Erwerbslose auch grundsätzlich an allem schuld sind inklusive am Verhalten der Jobcenter, wenn wir nämlich zu faul sind, das Jobcenter dauernd zu verklagen und nicht für unsere Rechte kämpfen, einself.

Diese drei bis fünf Millionen Personen und die vorgenannten Wohnungslosen dürften sich zu einem gewissen Grad überschneiden, wobei es aber auch Wohnungslose gibt, die Hartz IV beziehen.

Dann kommen noch Geflüchtete und Migrantinnen dazu, da habe ich keine Zahlen parat.

Migrantinnen aus der EU werden die Sozialleistungen häufig vorenthalten, die Bundesregierung versucht seit Jahren, dieses Vorgehen europarechtlich zu legalisieren. Aktueller Stand: Nach 3 Monaten können Sozialeistungen bezogen werden. Wer in der Zeit nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, hat auch keine KV.

Aktuell fordern die Arbeitgeber, auch bei Selbständigkeit und Minijob die EU-Bürgerinnen vom Sozialsystem auszuschließen, somit auch von der KV.

Für Geflüchtete sind mir drei verschiedene Arten von „keine KV“ bekannt, vermutlich gibt es noch mehr.

Illegale haben gar keinen offiziellen Status. Das kann zum Beispiel passieren, weil die Typen, die eine im Herkunftsland gefoltert haben, sich geweigert haben, eine ordentliche Folterbescheinigung fürs Asylverfahren auszustellen. So daß man nicht beweisen konnte, daß man ein Recht auf politisches Asyl hat. Trotzdem kann man in so einem Fall ja nicht zurück und muß sich vor einer drohenden gewaltsamen Verschleppung („Abschiebung“) schützen. Iss nun mal so.

Vor der Registrierung sind Geflüchtete auch nicht krankenversichert, und Registrieren ist ja scheinbar irgendwie ein Problem für die bundesdeutsche Bürokratie. Die medizinische Versorgung dieses Personenkreises schildern Fachleute als „Miserabler als in der dritten Welt“, zumindest hier in Berlin.

Und Geflüchtete im Asylverfahren haben auch nur Anspruch auf die oben angesprochene Notversorgung.

Das zynischste, was ich in dem Zusammenhang gelesen habe, ist ein Kommentar in der Zeit von Mitte 2015. (Ich bin nämlich nicht auf Facebook, und auf Twitter blocke ich konsequent, sonst würde ich wohl noch viel zynischere Dinge lesen.)

Die steile These: Da es viele Deutsche gibt, die keine richtige Krankenversicherung hätten, dürfen Geflüchtete auch keine bekommen, denn sonst schürt das Neid! Nämlich.

Ganz abgesehen von der unhaltbaren Behauptung, der hysterische Neid, der Geflüchteten entgegengebracht wird, würde sich auf reale Gegebenheiten beziehen: Das Recht auf Gesundheitsversorgung ist ein Menschen- und kein Deutschen- oder Geflüchtetenrecht.

Wie vernagelt muß man sein, um angesichts der Forderung einer Krankenversicherung für Geflüchtete dann nicht einfach eine Krankenversicherung für alle zu fordern?

Das ebenso fantasielose und stereotype wie unterkomplexe Argument, welches in dem Kommentar nichtmal angesprochen wird, ist sonst stets das der Finanzierung.

Diese Finanzierungsvorhaltung ist deswegen so stumpf, weil die Rechnung neben der Ausgaben- auch eine Einnahmenseite hat, und je lauter „Finanzierung“ geschrien wird, desto größer ist die Ignoranz gegenüber der Einnahmenseite.

Für den Bereich der Krankenversicherung heißt das Konzept, das schon lange vorliegt, aber eben politisch nicht gewollt wird: Bürgerversicherung.

Aus einem Positionspapier der Linken dazu:

– Eine für alle: Jeder Mensch, der in Deutschland lebt, wird Mitglied.
– Alle Einkommensarten einbeziehen: Alle, auch die heute privat Versicherten, zahlen entsprechend ihrem Einkommen aus Löhnen, Honoraren sowie Miet-, Pacht- und Kapitalerträgen in die Bürgerversicherung ein.
– Beitragsbemessungsgrenze abschaffen: Der Beitrag richtet sich damit nach der finanziellen Leistungsfähigkeit: Wer wenig hat, zahlt wenig, wer mehr hat, zahlt mehr.
– Parität herstellen: Die Arbeitgeber tragen die Hälfte der Beiträge ihrer Beschäftigten auf Löhne und Gehälter.
– Private Krankenversicherung als Vollversicherung abschaffen: Die private Krankenversicherung wird auf Zusatzversicherungen beschränkt. Das in Europa einzigartige Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung wird damit beendet.
– Patientinnen und Patienten entlasten: Zuzahlungen, Zusatz- und Sonderbeiträge werden abgeschafft.

Der Beitragssatz könnte laut einer unabhängigen Studie von derzeit 15,5 Prozent auf 10,5 Prozent des Einkommens sinken. Die Beiträge blieben auf Jahre hinaus stabil bei etwas über 10 Prozent. Auf Löhne und Gehälter sowie Renten müssten die Versicherten nur noch einen Anteil von 5,25 Prozent statt derzeit 8,2 Prozent zahlen.

Das Vorenthalten medizinischer Versorgung ist ein Menschenrechtsverstoß und ein Mittel der Ausgrenzung.

Arme Menschen sterben in Deutschland acht bis zehn Jahre früher – im Durchschnitt. Das heißt, manche sterben auch zwanzig oder dreißig Jahre früher, als wenn sie reich wären.

Bekämpfen will die Bundesregierung das mit einer Verpflichtung der Krankenkassen, Präventionsprogramme anzubieten. Irgendwen zu irgendwas zu verpflichten kostet ja nichts.

Und zur Notversorgung gehört Prävention auch nicht.

Prävention bedeutet viel eher: Selber schuld, wenn Du zu früh stirbst, hättze Dich ma gesund ernährt, mehr positive Gedanken gedacht und nicht so viel geraucht.

Als ich angefangen habe, diesen Text zu schreiben, habe ich nicht darüber nachgedacht, in wie vielen Lagen die Schuldzuweisungen auf materiell armen Personen aufgebracht werden.

Wenn jemandem ein gutes Schlußwort für diesen Text einfällt: bitte in den Kommentaren hinterlassen.

———-
* einself ist eine Ironisierung von großer Empörung, weil dabei manchmal die Umschalttaste wackelt und statt siebenundzwanzig Ausrufezeichen einige Einser dazwischengeraten, etwa so: !!!1!!11!!

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13 Gedanken zu “#hollerkaputt: Überraschung, es gibt Menschen ohne Krankenversicherung

  1. Das mit der Notversorgung finde ich auch schlicht unlogisch und ungerecht, da ja trotzdem die vollen Beiträge berechnet werden. Die Betroffenen sollen ja irgendwann doch alle aufgelaufenen Beiträge abbezahlen, obwohl sie gar keine vollen Leistungen erhalten haben und erhalten. Frage mich ob das rechtlich wirklich Bestand haben kann. Auf jeden Fall ist diese Vorgehensweise ein Skandal.

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  2. Danke, Du hast einen Aspekt des Unrecht(s)staat, der HARTz4-Diktatur
    https://alm10965.wordpress.com/2015/12/18/die-hartz-iv-diktatur/
    verdeutlicht !
    Etwas, was vollversorgte Menschen noch gar nicht realisiert haben,
    Leute die nicht wissen daß, nicht wenige Leute mit ALG0 Leben !

    Wie ich es auch in meinem blogpost http://wp.me/p44AZ4-Bp bemerkte.

    Das #hollerkrank wirft jetzt immer mehr wellen, im social media teich

    Das was Schröder & Co angestoßen hat ist Realität unsere Gesellschaft ist imho Amerikanisiert.
    auch zu „es war mal ein Kanzler“ in Frau Hannemanns Buch gelesen → https://alm10965.wordpress.com/2015/12/18/es-war-ein-mal-ein-kanzler/

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  3. Aufgelaufene Krankenkassenbeiträge, die über mehrere Jahre nicht bezahlt werden konnten wurden mit echten „Wucherzinsen“ des Hartz4-Unrechtsstaates belegt. Erst mit 40% Strafzinsen. Dann mit 1% Strafzinsen. Und das in einer Zeit, in der sich der Staat an allen Bürgern masslos bereichert, ohne selbst Zinsen zu bezahlen und die Rentenkassen zu plündern und zu missbrauchen.

    Privatpersonen wurden früher für „Wucher-Zinsen“ und „Renten-Betrug“ eingesperrt oder abgestraft. Heute erhalten Politiker und Staatsbeamte dafür „Provisionen“, „Verdienstorden“, „Vorstandsposten“, „Beraterverträge“ und „Wählerstimmen“.

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  4. ich hatte mal ein ähnliches Problem und konnte dem entkommen weil ich kurzfristig einen Job angenommen hab in welchem ich über den Arbeitgeber versichert war, mußte dann nichts mehr nachzahlen.

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  5. Also ich bin in einer ähnlichen Situation wie Herr Holler und verfolge seit Tagen kopfschüttelnd, was teilweise für ein Unwissen verbreitet wird. Ich sage bewusst nicht Unwahrheiten, weil ich weiß, wie verwirrend das mit den Krankenkassen wird, sobald man nicht mehr Angestellter ist.

    Ich habe mich 2014 entschlossen meine Anstellung zu kündigen und mich nicht arbeitssuchend zu melden. Weil ich wirklich mal eine Auszeit wollte und es mir falsch vorgekommen wäre, obwohl jahrelang eingezahlt, Leistungen zu beziehen, wenn ich mich eh nicht auf die Suche nach einer neuen Anstellung gemacht hätte.

    Ich habe mich daraufhin bei meiner Krankenkasse freiwillig versichert. Da ich nicht selbstständig bin, wird für die Berechnung das Gehalt meines Mannes zur Grundlage genommen. Ich hab also alle notwendigen Unterlagen an die KK geschickt, Gehaltsnachweise meines Mannes, ein Schreiben vom Steuerberater u.s.w. Danach war das für mich erledigt.

    Ich fiel aus allen Wolken, als ich über ein Jahr später einen Brief meiner KK erhielt, in dem es hieß, ich sei mit weit über 10.000 Euro im Rückstand und dass meine Leistungen nun erstmal ruhen, bis ich das mit der KK geklärt hätte. Was alles genau schiefgegangen ist, würde zu lange dauern, es zu erklären. In der Kurzversion läuft es darauf hinaus, dass die KK mich 1. als selbstständige mit einem Spitzenverdienst von 4000 Euro berechnet hat, ich 2. einen Zahlendreher in der Kontoverbindung meines Mannes hatte und er 3. nicht bemerkte, dass überhaupt kein Geld von seinem Konto abgebucht wurde, und dann davon ausging, dass es über mein Konto läuft. Ich stand jedenfalls von heute auf morgen mit einem riesigen Schuldenberg und ohne Leistungen da.

    Glücklicherweise habe ich keinen Krebs, aber leider dennoch eine schwere Erkrankung, die tägliche Medikamenteneinnahme und monatliche Überprüfungen beim Arzt erfordert. Ich bin also auf volle Leistungen angewiesen.

    Und hier glaube ich zu verstehen, in welcher Situation sich Herr Holler befunden hat. Denn wenn man diesen riesigen Berg Schulden bei einer KK schwarz auf weiß vor sich hat, dann dreht es einen den Magen um. Ich hab mich ohnmächtig vor Angst gefühlt und bin tagelang um das Telefon herum gelaufen, und hab mich nicht getraut die KK anzurufen und zu sagen „ok, da bin ich. Ich möchte das klären. Was schulde ich Ihnen und wie kann ich es bezahlen?“

    Als Außenstehender ist das vielleicht nicht zu verstehen, dass es in so einer Situation wirklich Mut braucht, sich dem zu stellen. Aber ich glaube, Herr Holler versteht das. Denn aus seinen Interviews geht hervor, dass er dieses Telefonat bis heute nicht geführt hat. Und gerade weil ich weiß, wie schwer es einen fällt sich damit auseinanderzusetzen, bedaure ich, dass er es nicht getan hat. Denn nun werden Dinge verbreitet, die so einfach nicht der Wahrheit entsprechen.

    Herr Holler muss NICHT 9000 Euro bezahlen, um behandelt zu werden. Auch die Aussage in diesem Blog, dass man erst alle Schulden begleichen muss, um aus der Notfallversorgung zu kommen, ist einfach nicht wahr. Nachdem ich mich endlich getraut habe Kontakt zu meiner KK aufzunehmen, wurden meine Beiträge neu berechnet. Am Ende blieben immer noch etwas mehr als 9000 Euro Schulden. Die zahle ich nun in monatlichen Raten von 150 Euro ab. Denn Rückstände bei der KK sind für diese keine Seltenheit. Zeigt man sich zahlungswillig, stößt man auf vollkommenes Entgegenkommen. Denn wahrscheinlich geht es den meisten Menschen so, dass sie vor Panik den Kopf in den Sand stecken und nicht mehr auf die Briefe reagieren, in der Hoffnung, dass es schon irgendwie gutgehen wird. Ab der ersten Rate hatte ich wieder volle Leistungen. Ich bekomme meine Medikamente, gehe regelmäßig zum Arzt und bin versichert, und es hat mich genau einen Anruf und die Bitte um eine Ratenzahlung gekostet. Mehr nicht. Insofern empfinde ich es als verstörend, dass seit Tagen so getan wird, als wäre es Herrn Holler ohne Spenden nicht möglich den Krebs zu besiegen. Auch dass nach seinen Aussagen die 9000 Euro längst zusammen sind, er die Aktion aber weiter laufen lässt, weil ja eventuell noch Chemo und so weiter kommen könnten, stößt mir vor den Kopf. Diese Kosten werden alle von der KK übernommen. Dass er nun über die Spenden ein halbes Jahr eventuelle Verdienstausfälle finanzieren möchte, geschenkt. Aber dass er nach eigener Aussage nicht mal mehr schaut, wie viel Geld denn nun zusammen gekommen ist, um das alles zu beenden, falls genug Geld für Schulden und ein halbes Jahr Unterhalt beisammen ist, das geht meiner Meinung nach gar nicht. Besonders nicht, weil die meisten Menschen in dem Irrglauben spenden, sie würden seine Behandlung bezahlen.

    Ich wünsche Herrn Holler für die Zukunft alles Gute, und dass er schnell gesund wird. Aber ich wünsche ihm auch den Mut, das nächste Mal einfach mal zum Telefon zu greifen.

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    1. Der Vorwurf, daß man „Unwissen verbreitet“, ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, und die emotionalisierende Sprache, die Sie dabei verwenden, macht ihn noch gravierender.

      Auch wenn man bewußt nicht „Unwahrheit“ sagt, ist es ein schwerwiegender Vorwurf, „Unwissen zu verbreiten“ – speziell, wenn man extra dazusagt, daß man extra nicht dazugesagt hat, daß es sich um Unwahrheiten handelt.

      Daher wünsche ich mir natürlich, daß ein solcher Vorwurf wenn, dann auch entsprechend fundiert ist, und bitte darum, dies in Zukunft zu beachten.

      Sie schreiben, Sie haben beschlossen, eine Auszeit zu nehmen, ohne sich arbeitssuchend zu melden. Wie Sie das finanziert haben, geht mich nichts an, doch sicherlich können wir uns darauf einigen, daß sich das nicht jede leisten kann.

      Dasselbe gilt für weitere Details: Wie ich das verstehe, konnten Sie sich im Gegensatz zu Herrn Holler die Beiträge leisten, und daß die Beiträge letztendlich doch nicht bei der KV landeten, hatte andere Gründe.

      Von einer solchen Situation her Schlüsse zu ziehen auf Menschen, die sich eine Krankenversicherung einfach nicht leisten können, mal ganz zu schweigen von einer Auszeit, finde ich gelinde gesagt ganz schön gewagt.

      Ihre ganz eigene Interpretation von Herrn Hollers Problem ist, daß er sich vielleicht einfach erschreckt hat, als er erfahren hat, daß er Beitragsschulden hat, und sich nicht getraut hat, bei der KV anzurufen, und daß das ganze Problem gar nicht existieren würde, wenn er halt einfach angerufen hätte.

      Da Herr Holler sich bewußt entschieden hat, lieber auf eine KV zu verzichten, als ein Unternehmen mit mehreren Arbeitsplätzen zu schließen (eine Wahl zwischen Pest und Cholera, wie er auf Twitter sagte), dürfte es ihn jedoch kaum überrascht haben, daß er Beitragsschulden hat.

      Was Sie schildern, nämlich daß diese Beitragsschulden so schockierend sind, daß man sich erschreckt, wenn man damit konfrontiert wird, und es unglaublich unangenehm ist, einen solchen Anruf zu machen, selbst wenn man wie Sie es schildern quasi ein ganz reines Gewissen hat und nicht befürchtet, auch noch als Sozialschmarotzerin dargestellt zu werden, ist schon ein weiterer wichtiger Punkt, und ich finde es gruselig, daß solche Dinge so gestaltet sind, daß sie solche Gefühle auslösen. Eigentlich sollte „Krankenversicherung“ zu ganz anderen Gefühlen führen, wenn man das Wort hört.

      Dann noch in Kombination mit einer Diagnose wie Krebs.

      Doch das Problem läßt sich eben leider nicht darauf reduzieren.

      Wenn Ihre Krankenkasse da kulant war, dann herzlichen Glückwunsch. Die Krankenkassen haben Möglichkeiten, gerade weil es nicht klar definiert ist, was nun zu einer Notversorgung gehört und was nicht.

      Sie schreiben, daß Sie auch eine Krankheit haben, deren Kosten ohne weiteres von der KV übernommen werden trotz Beitragsschulden, und gehen scheinbar davon aus, daß das dann auch für alle Anderen gelten müsse.

      Aber in Wirklichkeit ist es eben nicht klar definiert, was zu einer Notversorgung gehört und was nicht, so daß es schwierig ist, da einen Rechtsanspruch abzuleiten, was die Voraussetzung wäre, davon auszugehen, daß alle die gleiche Behandlung bekommen wie Sie.

      Welche Krankheit Sie haben, das geht mich nichts an, und führt auch hier nicht weiter, weil eben kein Rechtsanspruch über die Notversorgung hinaus besteht. Doch häufig ist es einfach billiger, eine Krankheit sofort zu behandeln, als zu warten, bis ein Notfall entsteht. So könnte Ihre KV sich zum Beispiel ausgerechnet haben, daß sie auf diese Weise billiger fährt, wenn die Krankheit sofort behandelt wird, ohne daß das automatisch jede KV für jede Versicherte so handhabt.

      Zudem habe ich Sie so verstanden, daß Sie jetzt die laufenden Beiträge bezahlen, plus die Schulden in Raten abzahlen.
      Aus der moralischen Höhe Ihrer Zahlungsfähigkeit behaupten Sie dann doch, ich würde „Unwahrheiten“ schreiben.

      Um das ganz klar zu machen: Ich beziehe mich auf Personen, die sich nicht mit Geld scheinbare moralische Überlegenheit kaufen und eine KV finanzieren können. Ihr persönlicher Einzelfall, so wie Sie ihn schildern, hat daher keine Relevanz für meinen Text und bietet keine Grundlage, mir „Unwahrheiten“ zu unterstellen.

      Daher finde ich Ihren Kommentar so ärgerlich, obwohl Sie so bemüht sind, gute Absichten in den Vordergrund zu stellen und als jemand auftreten, der „Unwahrheiten“ widerlegen und für Herrn Holler nur das Beste will.

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  6. Die deutschen GKV/PflK haben fast dieselbe Rechtsstellung wie die JC, d.h., sie sind „beliehene“ Träger der Daseinsvorsorge. Sie können einem Kunden zwar keine Sanktion verpassen, aber dreist mit Gebührenwucher an die Wand und in die Insolvenz treiben. Ohne daß ihre Forderungen dadurch verdampfen. Es entsteht der Eindruck, daß sie mit scharfem Blick auf die Einnahmenseite wie alle diese Bürokratien ihre Kunden einem internen Profiling unterziehen. Wer jung ist und wegen hohen Einkommens auch nett Beiträge abdrückt, der kriegt, wenn er sich telefonisch meldet, auch mal ein Bonbon zugesagt, zB ein zahnmedizinisches Extra finanziert. Wem aber das JC die – im übrigen nur ungern bekanntgegebenen – ca. 130 € Monatsrate „spendiert“, der darf sich drauf freuen, daß man ihm seinen sozialen Status immer deutlicher am Gebißzustand ablesen kann.

    Kann mir nicht verkneifen, anzumerken: GENAU DAS, was die Partei, die dieses agendabasierte „Gut-für-Deutschland“ (Zitat: Eigenlob) zu verantworten hat, vorgab, NICHT zu wollen.
    Die Partei, die offenbar gar keine Lügenpresse braucht. Von der derzeit immer mehr Leute überzeugt sind, daß man sie auch nicht mehr braucht. So wie diese – wie hieß die nochmal? PDF oder so…

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  7. Ich war nicht krankemversichert und habe es nicht bemerkt. Mein ALGI Anspruch ruhte, da ich noch Urlaub ausgezahlt bekam. In der Zeit kam weder der Arbeitgeber noch das Arbeitsamt für Versicherungen auf. Wusste ich aber nicht. Dh ich bin auch böse da Unwissenheit nicht vor Strafe schützt ^^

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    1. Then my blog must be very boring for you. 😉
      I know that some people use translation machines, like google translate or something, for reading my blog, but personally this sort of „translations“ only makes me dizzy and I don’t use them.

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  8. Wie wärs mal wenn die Politiker die arme arme arme Wirtschaft mal so besteuern, wie es nötig wäre aber stattdessen überbieten sich die feinen Herren und Damen im Parlament im Arschkriechen.
    Ich habe den Eindruck das viele der Politiker der Wirtschaft nicht ans Bein pinkelt, weil sie ihre zukünftigen Zuhälter nicht verärgern möchten.
    Statt Schwächere zu Tode zu sparen und das als großen Wurf zu verkaufen, sollten die werten Volksvertreter mal damit beginnen endlich mal Steuern zu und Rentenbeiträge zu zahlen.
    Viele Politiker sind Schmarotzer, weil sie auf Kosten der Allgemeinheit leben.
    Die Leute die die Steuern erwirtschaften, können es sich oftmals nicht leisten ihre Kinder auf solche renomierten Eliteschulen mit Vetternwirtschaftsgarantie wie Schloss Salem leisten.

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