„Arbeitswut“: Wow, ein Jobcenter-Krimi!

Ein Serienkrimi spielt im Jobcenter – wurde auch mal allerhöchste Zeit! Oder habe ich schon wieder was verpaßt?

Achtung: Unter dem Video kommen ne Menge Spoiler, also wenn Ihr vorher den Film anschauen wollt, nicht weiter runterscrollen!

Jetzt kommen die Spoiler

Ich ärgere mich ja immer so, weil zu wenig über das Thema gesprochen wird, und wenn es dann mal vorkommt, dann ärgere ich mich darüber, wie.

Zuerst mal: In dieser Krimiserie geht es offenbar um Vermißte, die nicht notwendigerweise tot sein müssen. In dieser Folge stirbt auch niemand.

Finde ich grundsätzlich spannend. Ich bin überzeugt, daß sonst in Krimis nur deswegen immer jemand sterben muß, damit der Plot schablonenmäßig schwarzweiß bleibt und die Opfer nicht rumnerven.

Die Personen:

Der Bösewicht, Michael Peukert, ist ein normaler Erwerbsloser. Damit meine ich: Hat schon drei Bewerbungstrainings hinter sich, gerade in einer Weiterbildung (Medizinischer Fachangestellter), vom Jobcenter schon mal an einer Arbeitsaufnahme gehindert worden, zuletzt in der Pflege gearbeitet, geht aber gesundheitlich nicht mehr. Dreißig Jahre gearbeitet, Jobcenter behandelt ihn wie Dreck und provoziert ihn bis aufs Messer, aber er will nur eins: Arbeit.

Er kommt unbewaffnet ins Jobcenter und will von seiner Arbeitsvermittlerin nur den vorher versprochenen Vermittlungsvorschlag auf eine Stelle, die zu ihm paßt.

Statt seiner vorigen Arbeitsvermittlerin, mit der er klarkam, ist eine andere da, der es gelingt, die Lage in wenigen Minuten so zu eskalieren, daß sie ihn in eine Geiselnahme hineinmanövriert.

Eine aus anderen Gründen anwesende Polizistin liefert unabsichtlich die Waffe dafür.

In den ersten kurzen Szenen ist der Umgang des Jobcenters mit Erwerbslosen absolut punktgenau dargestellt. Da steht eine beeindruckend präzise Recherche dahinter. Bis hin zu der Kritik am Begriff „Kunde“.

Niemand hat den Erwerbslosen gezwungen, Geiseln zu nehmen, dazu komme ich später nochmal. Jedenfalls ist es den ganzen Film über klar: Der Täter ist er.

Die Gewalt, die er ausübt, wird sehr sichtbar im Film, aber nicht die, der er ausgesetzt ist. Und die ist auch sauschwer sichtbar zu machen. Geht mir in diesem Blog auch so.

Das Opfer ist die Arbeitsvermittlerin, mit der Peukert zu Beginn ein Gespräch hat, sie wird zum Hauptopfer der Geiselnahme.

Die schwere strukturelle Gewalt, die sie gegen den Erwerbslosen zu Beginn ausübt, die Eskalation, die von ihr ausgeht, die Einstellung zu ihrer Tätigkeit wird ganz realistisch gezeigt. Doch ich habe Zweifel, ob eine realistische Darstellung auch durch den Nebel weit verbreiteter Ressentiments gegen Erwerbslse hindurch gesehen werden kann.

Sie fragt Peukert nach Bewerbungen, und als er anhebt, zu erklären, daß er heute aus einem anderen Grund da ist, unterbricht sie ihn nach wenigen Worten mit „Also keine Bewerbungen“. Er sagt, daß seine Situation komplexer ist, sie: „Jaja, das höre ich öfter“. In einem TON. Sie sieht am Bildschirm, daß noch eine Maßnahme für Schweißer zu besetzen ist, und versucht, sie ihm überzuhelfen. Er ist noch in einer Fortbildung zum medizinischen Fachangestellten und gekommen, um mehr von einem entsprechenden ihm zugesagten Stellenangebot zu erfahren, doch das weiß sie nicht und will es auch nicht hören.

Sie ist bereit, seine Biographie zu zerstören, um eine bürokratische Anforderung zu erfüllen. Welchen Druck sie auf Erwerbslose ausüben kann, ohne die Sanktionsdrohung überhaupt noch aussprechen zu müssen, das kann man leicht übersehen. Insbesondere, wenn Ressentiments dazu motivieren.

Sie erklärt das später im Film damit, daß sie auch nur befristet beschäftigt ist. Was können Erwerbslose dafür? Nix.

Als Peukert zu erkennen gibt, daß er nicht mit dieser Behandlung einverstanden ist, daß sie ihn wütend macht, fordert sie ihn sofort zum Gehen auf. Daß das ein richtiges Hausverbot bedeutet, und daß diese Hausverbote immer häufiger eingesetzt werden, einfach nur um Erwerbslose mundtot zu machen, wird leider auch nicht sichtbar.

Wiederum frage ich mich, ob das reine Betrachten eines solchen Vorganges ausreicht, zu verstehen, wie pervers es ist, daß Erwerbslose darauf verpflichtet werden, den Beschäftigten im Jobcenter gegenüber nicht zu erkennen zu geben, welche Folgen ihr Handeln hat, um deren Selbstbild nicht zu gefährden.

Ab hier wird Peukert so unbeherrscht, daß er als „im Unrecht“ dargestellt werden kann, und die ganze Geschichte dreht sich.

Peukert schubst sie weg, um selbst an den Computer zu gehen, er will sein Stellenangebot, will das machen, was das Jobcenter mit existenziellen Drohungen von allen Erwerbslosen fordert: sich einen Job suchen.
Da zieht sie einen Pfefferspray. Sie hat Peukert schon von vorneherein als den Bösewicht gesehen und ihn konsequent so behandelt, bis er sich endlich auch so verhält. Sie hat auch die Macht, sein Leben komplett zu ruinieren, bzw, was davon übrig ist.

Eine Polizistin geht dazwischen, bekommt den Pfefferspray ab, und Peukert nimmt sich ihre Waffe.

Ab da sieht man das Opfer weinen, später zwingt Peukert sie, sich in Unterwäsche aufs Fensterbrett zu stellen. Sie hat Angst und man sieht Urin an ihrem Bein herunterrinnen.

Die Täter-Opfer-Umkehrung ist perfekt. Und wird auch im Lauf des Films nicht wieder aufgelöst.

Die engagierte, idealistische Arbeitsvermittlerin wird auf sehr problematische Weise dargestellt.

Sie ist an dem Tag verschwunden, deswegen ist die Polizei im Jobcenter anwesend. Sie hatte Peukert eine passende Stelle versprochen, dabei Regeln umgangen um ihm zu helfen und auch Ärger bekommen dafür.

Wegen ihrem Engagement ist sie unbeliebt bei Chef und Kolleginnen, und wird abgemahnt.

Außerdem macht sie sich durch einen Blog unbeliebt.

Zum Schluß des Films übergießt sie sich vor dem Jobcenter mit Benzin und versucht, sich anzuzünden.

Sie wird als fanatisch und durchgeknallt dargestellt. So sieht man in einer Rückblende, wie sie Peukerts Exfrau unaufgefordert in deren Büro aufsucht, um sie zu überzeugen, daß sie wieder mit ihm zusammenkommt. Auch Peukert weiß davon nichts.

In einer anderen Rückblende sieht man sie einen anderen Erwerbslosen sanktionieren. Sie erklärt ihm die Sanktion im persönlichen Gespräch. Hier versagt plötzlich die Recherche, und die Sanktion beträgt 20%, das gibt es gar nicht, es gibt 10, 30, 60 und 100%.
Sie engagiere sich nur für diejenigen, die wirklich Arbeit suchen und sei gegen Sozialschmarotzer.

So wird ihr Engagement mit Übergriffigkeit und und mit diskriminierender Schikane in Verbindung gebracht.
Das Bild, was von ihr gezeichnet wird, ist wirklich schräg.

Da die Frau vermißt wird und erst am Ende des Films auftaucht (außer in Rückblenden), aber insbesondere, weil der Geiselnehmer verlangt, sie zu sprechen, schaut sich die Polizei auch die Wohnung an.
Man sieht darin alle möglichen Zettel an Wand und Fenster kleben.

Es geht um abstrakte Inhalte im Zusammenhang mit Hartz IV. Dazwischen Fotos von Protestaktionen.

Genau mein Problem: Was an Hartz IV schlecht ist, zeigt sich kaum auf Fotos und Videos. Man muß sich mal die Bilderarmut von typischen Dokus ansehen. Man sieht Menschen in ihren Wohnungen, Menschen im Jobcenter, Menschen, die etwas erklären, Büros, Akten, dazwischen ein leerer Kühlschrank. Und Protestaktionen.

Immerhin: Gutbezahlten Vollprofis gelingt es offenbar auch nicht besser als mir.

Fazit: Gut gefallen hat mir die saubere Recherche des Alltags im Jobcenter am Anfang, die Darstellung der durchschnittlichen Beschäftigten und ihrer Einstellungen den Erwerbslosen gegenüber, und daß es im Prinzip schon dargestellt wurde, wie Erwerbslose runtergemacht und gerade in ihren Versuchen, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, gehindert werden.

Das kommt auch immer wieder durch, etwa als der Teamleiter des Jobcenters sich im Verhör dafür rechtfertigen muß, daß Erwerbslose in sinnlose Kurse genötigt werden.

So gibt es viele Momente in dem Film, die einfach hübsch sind, und wo ich dachte, yeah, da hat wer was verstanden.

Sehr schlecht fand ich, daß der Film eine Täter-Opfer-Umkehrung propagiert. Sie wird noch verstärkt dadurch, daß es ein Mann ist, der Frauen als Geiseln nimmt und eine davon noch extra demütigt.

Und die schräge Darstellung der engagierten Arbeitsvemittlerin hat mich echt geärgert.

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19 Gedanken zu “„Arbeitswut“: Wow, ein Jobcenter-Krimi!

  1. „Arbeitswut“: Wow, ein Jobcenter-Krimi! Jeder ist für sein Handeln selbst verantwortlich. Dabei spielt es keine Rolle ob dies in seiner Arbeitszeit oder Freizeit geschieht. Niemand ist gezwungen normale Bürger in wessen Auftrag auch immer, zu schikanieren, drangsalieren, verächtlich machen, sie bloß zu stellen oder sie mit bolschewistischer Hinterlist in irgendwelche Fallen zu locken

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  2. Was ich an dem Film besonders interessant und realistisch fand, war der Schluß – die aller letzte Szene.
    In der zeigt der Film, wie am besten die besten Beschäftigungsverhältnisse zu Stande kommen können.
    Das würde übrigens auch sogar jeder Bewerbungsguru bestätigen !

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  3. 552 Aufrufe um 20.47 am 03.03.2016. Da fragt man sich bei mehr als 6 Millionen Betroffenen schon: Wo sind die alle? Im Grunde weiß der Sender schon was Sache ist. Die haben schon „sauber“ recherchiert. Die wissen schon, wie in den Jobcentern den Kunden die Lebensgrundlage entzogen wird. Irgendwann mussten die ja dahinterkommen wenn das schon seit mehr als 10 Jahren so praktiziert wird. Und dann macht man halt einen 45 min Thriller daraus und macht das Opfer zum Täter. Na Bravo. Mit „Kunden“ auch noch Profit machen. „Keine Gewalt im Jobcenter“ heißt es auch heute noch auf großen Plakaten in den Jobcentern. Die Frage lautet aber immer noch aus meiner Sicht: Wer sind denn die, die zuerst die Gewalt in den Jobcentern säen?

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      1. Vor allen Dingen, was fuer ein raffinierter Dreh, das verzweifelte Opfer zum Taeter zu machen, um die Zuschauer hinters Licht zu fuehren. .. Hier bleibt man einmal gern mit Vorsatz oberflaechlich, und die Dinge „sind“, was sie scheinen.
        Die Polizei hat ausgedient bei solcherart Ermittlungen…

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  4. Hast Du das Video gesehen? Also mein Eindruck war eigentlich nicht, daß es ein raffinierter Dreh war, daß am Ende doch der Erwerbslose al Täter und die Arbeitsvermittlerin als Opfer dastand, sondern im Gegenteil, daß mit großem Aufwand versucht wurde, zu zeigen, wie das Jobcenter die Erwerbslosen fertigmacht, nicht umgekehrt.

    Aber weil es halt nun mal ne Krimiserie ist, hat man dann ein Verbrechen haben müssen, und ist dabei voll im Klischee verhaftet geblieben. Da hat keine Rechereche geholfen, sondern da hätte (Selbst)Reflexion geholfen.

    Ich halte es für einen Unfall, bzw. fast unvermeidlich, wenn man nicht bewußt aus Denkmustern ausbricht.

    Böse Absicht sehe ich gar nicht dahinter.

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    1. Auch diese Ueberlegungen habe ich angestellt, aber ich frage Sie, liebe Jobcenteraktivistin:
      Wie will man noch Verbrechen zuverlaessig bekaempfen, wenn sie gesetzlich „legitimiert“ sind?
      (Was schon die Spatzen vom Dache pfeifen?) Auf der gewoehnlichen Grundlage kann man solch einen Krimi nicht aufbauen, und phantasievolle Kunst ist es meines Erachtens nur bedingt.

      Sagt nicht schon die Wahl des Themas einiges aus?

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  5. Am Anfang dachte ich auch: Wow, die zeigen wie es mir mit meiner ehemaligen „Fallmanagerin“ ging und wie ich mich da gefühlt habe, aber ab dem Punkt wo Peukert das Büro verlassen sollte war es wieder die normale Darstellung des bösen Arbeitslosen. Schade! Ich hatte gedacht es ist endlich mal der Knoten geplatzt.

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  6. Nur eine Anmerkung zum Begriff „Sanktionen“ :
    Ausdrücke wie „Androhung von Sanktionen“ oder „Aussprechen einer Sanktion“ sind ein Pleonasmus – so wie ein „weißer Schimmel“ oder „kaltes Eis“. Oder wie im Artikel sogar den Pleonasmus verdoppelt: das „Aussprechen einer Sanktion“.

    Denn: „Sanktion“ selbst bedeutet bereits die „Androhung von Strafe“. Diese Drohung besteht schon ab dem Moment der Antragstellung aus sich selbst, der Gesetzeslage, heraus. Das Anwenden der Sanktion ist dann eben „nur“ die Umsetzung als „Strafe“ oder „Bestrafung“.
    Sanktioniert ist ein Antragsteller also von Beginn an, er steht ständig unter Sanktion, unter Androhung von Strafe. Kommt es zum „Verstoß“, dem Anwendungsfall, folgt die Bestrafung.

    Man sollte das in Zukunft geradeaus so nennen: es geht um Bestrafung.

    Interessanterweise besteht meines Wissens diese modifizierte juristische begriffliche Gleichsetzung von „Sanktion“ mit „Strafe“ einzig im Strafgesetzbuch. Somit wird zusätzlich indirekt ein „Regelverstoß“, z.B. das harmlose Versäumnis eines Termines, in die Nähe einer Straftat gestellt – der Erwerbslose ist implizit potenzieller Straftäter.
    Und genauso wirkt auch die Psychologie dieser orwell’schen Sprachumdeutung zur moralischen Abwertung von Hartz 4-Beziehern in der Gesellschaft: Einer, der „zu lange“ arbeitslos ist, bereichert sich geradezu „verbrecherisch“ am „redlich Erarbreiteten“ der Gesellschaft.
    Der Erwerbslose mutiert im mentalen Hinterstübchen zum Verbrecher.

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  7. @Chris, zu Deiner Filmkritik: „Hier versagt plötzlich die Recherche, und die Sanktion beträgt 20%, das gibt es gar nicht, es gibt 10, 30, 60 und 100%.“

    Wenn in der Wirklichkeit auch 150%-Sanktionen auftreten, warum sollen dann nicht auch subletale 20% denkbar sein?

    Aber der markantere Realitätscheck findet sich in der Figur der – ich nenne sie die deutsche Fabienne Brutus -, Frau Hannemann hat sich in der Wirklichkeit von ihrer unverschuldeten Mittäterschaft losgesagt und arbeitet nun strategisch gegen diesen Hochverrat sowie in der Figur Peuckert, die mich an Christy S. erinnert, die ein wenig herumlärmte, als ihr der Vorschuß verweigert wurde, weswegen sie vorgesprochen hatte, und, als sie einen Polizisten attackierte, von seiner Kollegin der Einfachheit halber erschossen wurde.

    Solche Reality wollte man dem Publikum dann doch nicht zumuten.

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  8. Hatte auch überlegt dazu was zu schreiben. Bin zufällig über den Beitrag gestolpert. Ich dachte endlich mal was zum Thema was Realitätsbezüge hat, und fand es auch ganz gut dargestellt. Da man selbst das ja nun kennt weiß ich nicht ob für die NichtH4ler das auch so fühlbar war.
    Mich stört sonst die Darstellung in Film und Fernsehen sehr. Oft wird es so ins Komödienhafte gezogen, oder in Nebensätzen und Andeutungen wird klar gemacht das die Arbeitslosen eben faul sind und die Dinge nicht richtig angehen usw. Dieses Arbeit überalles ist ja auch oft rauszuhören, hier leider auch. LG 😉

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    1. Harz4 ist für die meisten Nicht-Harz4ler sowas wie z.B. Krebs.
      Sowas kriegen immer irgendwelche anderen unglücklichen Menschen, aber doch nie man selber !
      Genauso wie diese leidenschaftlichen Krimikicker nicht glauben, jemals Opfer eines sog. Kapitalverbrechens werden zu können.

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  9. Der entscheidende Unterschied ist eben, dass Hartz 4 gesamt-gesellschaftlich (mit)gemacht ist und staatlich instituiert. Die Verbrechen, die auf der anderen Seite begangen werden, nur um sich seine Pfründe zu erhalten und nicht in den „Sozialhilfebezug“ abzurutschen, sieht man kaum bzw. werden stark ummäntelt. Die Menschen, wie sie vor dem Schicksalschlag waren, bleiben in Dunkel getaucht, ebensosehr, wie die in Armut gestossenen Frührentner, die möglichen Suizide.
    Das alles aufzurollen kann nicht Aufgabe eines oder mehrerer Filme sein, entspricht jedoch traurigen Realitäten.
    In dieses Hartzer-“ Kapitalverbrechen“ ist eine Gesellschaft eingebettet (wie auch andersherum), wiederum mit Polizisten, die ja den Staat verkörpern – und es sind keine so notwendig entstandenen Verbrechen wie in ehemaligen Sklavenhaltergesellschaften.
    Meines Erachtens entstammt der „Tatort“ aus einer Zeit, wo es noch klar umrissene Definitionen von Gut und Böse gab, wo traditionelle Rollenbilder noch fest etabliert waren. Das heutige Bewusstsein ist ein anderes oder sollte ein anderes sein, weswegen gerade den „Tatort“ in ein den facettenreichen Menschen nach gleichwohl kleingeistig-doktrinären Gesetzen abmessenden Jobcenter zu überführen (bestenfalls) ein Experiment ist, das wohl gründlicher als sonst in die Hose gehen muss.
    Wo ist drinnen und draußen? Wer ist Opfer, wer ist Täter? Oder möchte der „Tatort“ sich jetzt selbst abschaffen? Das ist keine Integration neuer Bewusstseins- oder Arbeitsformen der inhaltlichen Aufarbeitung nach, aber es ist auch keine gänzliche Verleugnung der Wirklichkeit. Dieser gespaltene Tatort würde eine schon gespaltene Gesellschaft eher weiter aufspalten.
    Es ist nicht und kann auch gar nicht Aufgabe der beliebten Krimireihe sein, sämtlichen nur möglichen Aspekten gerecht zu werden. Aber so entfremdet sie sich gleichzeitig ihrem ureigentlichsten Element.

    Ufff, das ist jetzt fast eine ausgewachsene Filmkritik geworden, die an anderer Stelle fast besser aufgehoben wäre. Aber es zeigt auch, wie alles, was mit Hartz4- in Berührung kommt, schnell selbst paranoid wird, bis hin zum Filmgeschäft.

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  10. Dass der „Tatort“ den völkischen Aspekt hat, eine „Fernsehnation“zu versammeln ist das eine. Dass Polizei als Repräsentant des Staates hier immer und grundsätzlich den Mediator abgibt, das andere. Auch wird Hartz aka ALG2 aka SGB allgemein und zu oft als Sondertopic besprochen. Diese Form der sozialerzieherischen Bürokratie muss aber im Kontext mit Lohnsenkung und offizieller Angspolitik gesehen werden – die Politik eines konservativen Regimes, anti Arbeiter (Produktion eines Anpassungsdrucks per Armutsbildung/-drohung, identifiziert mit einer Reservearmee + sozialem Abstieg). Kampagnen wie sanktionsfrei.de verstärken, bei aller Anerkennung einer gewissen juristischen-ideologischen Gegenmacht, leider die Trennung in Soziales und Strafe (vgl. Foucault) und staatliche Sanktionierung (hier im Positivsinn des Wortes) der Interessen deutschen Kapitals in Konkurrenz zu anderen (EU-)Staaten.

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    1. Bist herzlich eingeladen, meinen Blog zu lesen. Nur weil ich nicht bei jedem einzelnen Text einen Roman über den Gesamtkontext herbete, heißt das nicht, daß er hier nicht gesehen wird.

      Auch die Kampagne sanktionsfrei hat bestimmt nichts dagegen, wenn man ihre Inhalte zur Kenntnis nimmt, zu denen auch genau eine solche Einordnung gehört.

      Die Form, Erwerbslose, sobald sie öffentlich sichtbar werden, darauf hinzuweisen, daß unsere Anliegen für sich genommen keinen Wert haben, sondern nur im Kontext XY, halte ich für bedauerlich.

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    2. „Kampagnen wie sanktionsfrei.de verstärken, bei aller Anerkennung einer gewissen juristischen-ideologischen Gegenmacht, leider die Trennung in Soziales und Strafe (vgl. Foucault) und staatliche Sanktionierung (hier im Positivsinn des Wortes) der Interessen deutschen Kapitals in Konkurrenz zu anderen (EU-)Staaten.“ (Matze Schmitdt)

      Aha, und was heißt das nun? Soll man es dann gleich lassen mit sanktionsfrei.de? Oder überhaupt mit allem Widerstand, weil der dann ja letztlich doch nur wieder irgendwas stützt, wenn man es im Umkehrschluss zusammflitzt?
      Dem Tatort einen „völkischen Aspekt“ zuzuordnen, finde ich auch ziemlich krude. Wie man’smacht, man macht es verkehrt: macht man in den Massenmedien nix zu dem Thema, wird von „Lügenpresse“ gesprochen, macht man was, ist es dann auch wieder nicht recht…
      Also bei aller Kritik zu diesem Jobcenter-Krimi zum Trotz: am Ende des Films lässt sich der Haupt-Protagonist, verkörpert von dem tollen Schauspieler Jörg Schüttauf, erschießen. Das ist schon recht heftig. Die Botschaft des Films ist schon echt beachtlich, für diese Sendezeit und das Format. Ich finde auch nicht alles gut an dem Film, aber alles in allem Respekt für die, die diesen Film durchgesetzt haben!
      Hier mit Foucault zu kommen…Foucault war es ein Anliegen, gegen eine totalitäre Überwachungs- und Kontrollgesellschaft vorzugehen. Es ist irgendwie makaber, ihn einerseits zu bennen, andererseits aber irgendwas aus seiner Theorie herauszuziehen, was dessen eigenes Anliegen dann wieder unterdrücken soll, nur um wissenschaftlich up to date zu erscheinen.

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