Vom Unverständnis der Erwerbslosen

Es gibt dieses Bild von den armen, überforderten Erwerbslosen, die einfach nicht in der Lage sind, ihre Bescheide zu verstehen, und auf diese Weise alle möglichen Probleme verursachen, nicht nur für sich selbst, auch für alle anderen.

Dieses Bild ist der Dreh- und Angelpunkt vieler Erklärungsmuster für Mißstände im Zusammenhang mit der Agenda 2010.

Grund genug, sich dieses Unverständnis der Erwerbslosen mal näher anzusehen.

Hierbei stütze ich mich auf meine eigenen Erfahrungen und den jahrelangen Austausch mit vielen anderen Erwerbslosen.

Aber zuerst mal bespreche ich ein

Beispiel* einer Anwältin, die vor Gericht „Unverständnis“ äußert

Es geht um einen Leistungsbescheid. Das Jobcenter hat viel zu wenig gezahlt.

Die Anwältin sagt: „Ich verstehe überhaupt nicht, wie die auf diese Summe kommen.“

In Wirklichkeit weiß sie natürlich mit etwas Erfahrung ganz genau, wie das Jobcenter auf diese Summe kommt: Die Jobcenter sparen an den Leistungen für Erwerbslose nach dem Motto „legal, illegal, scheißegal“.

Nur geht es vor Gericht um einen konkreten Einzelfall, und für den kann man nicht lückenlos beweisen, daß gerade diese behördliche Entscheidung von der Reduzierung der Ausgaben motiviert war.

Würde man das trotzdem äußern, wäre das vielleicht noch nicht gleich eine üble Nachrede gegen die Person, die den Bescheid erlassen hat. Doch vermutlich würde man das Gericht gegen sich aufbringen, wenn man sowas sagt, und in der Sache bringt es ohne Beweis gar nichts.

Deswegen ziehen auch AnwältInnen sich darauf zurück, daß sie „nicht verstehen“.

Jetzt würde man AnwältInnen aufgrund dessen nicht unterstellen, daß sie eben zu doof sind, die Bescheide zu verstehen, und fordern daß man die Bescheide in leichter Sprache verfassen müsse, damit die armen überforderten AnwältInnen sie verstehen.

Das kann man mit AnwältInnen nicht machen. (Wird wohl noch so weit kommen, ist aber derzeit noch nicht so.)

Für Erwerbslose gelten da andere Maßstäbe. (Nennt man sonst auch „Diskriminierung“.)

LeichteSprache1
Sreenshot von einer Webseite zum Thema „Leichte Sprache“

Eine erwerbslose Person bekommt ein Schreiben vom Jobcenter…

… in welchem sie unter Androhung von Sanktionen aufgefordert wird, etwas mehr oder weniger bestimmtes zu tun.

Und meine Beispiele kreisen nur deswegen so sehr um das Thema Sanktionen, weil ich mich damit auch sonst am allermeisten beschäftige.

In dem Schreiben steht zum Beispiel drin:
„Führen die Leistungskürzungen dazu, daß kein Arbeitslosengeld II mehr gezahlt wird, werden auch keine Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung mehr gezahlt.“
oder
„Ein solcher Pflichtverstoß liegt auch vor, wenn Sie die Aufnahme der angebotenen Arbeit durch negatives Bewerbungsverhalten vereiteln.“

Ist das Problematische an solchen Sätzen wirklich die Komplexität? Jetzt mal echt?

Die angeschriebene Person sucht eine Beratung auf und sagt: „Das verstehe ich nicht.“

Ich behaupte, daß das geäußerte Unverständnis nicht auf einem Mangel an Lesekompetenz einerseits oder auf überzogener Komplexität von Schriftstücken andererseits beruht.

(Ich behaupte nicht, daß es überhaupt keine Erwerbslosen gibt, die nur geringe Lese- oder Sprachkompetenz haben.)

Doch was hindert Erwerbslose, „zu verstehen“?

Erwerbslose glauben fälschlich, sich in einem Rechtsstaat zu befinden.

Mit dieser Vorstellung lassen sich gerade solche Sätze wie die oben zitierten schlicht und einfach nicht vereinbaren.

Solange Erwerbslose davon ausgehen, sich im Geltungsbereich des Grundgesetzes aufzuhalten, befinden sie sich geistig in einem Bezugsrahmen, der es nicht gestattet, die Realität zu erfassen, die sich in manch einem Schreiben des Jobcenters ausdrückt.

Die Annahme, daß das Grundgesetz gilt, und die Annahme, daß das gilt, was in dem amtlichen Schreiben steht, sind einfach nicht vereinbar.

„Ich verstehe nicht“ mag dafür ein etwas unpräziser Ausdruck sein. Doch wenn man diesen Sachverhalt präziser ausdrückt, führt das eigentlich nur dazu, daß man als Querulantin wahrgenommen wird, es bringt keinen evolutionären Vorteil.

Gleichzeitig kann man kognitiv in Teufels Küche kommen, wenn man befürchtet, mit der Feststellung, daß das Grundgesetz de facto im Jobcenter nicht gilt, auch die berechtigte Forderung zu untergraben oder den Anspruch aufzugeben, daß das Grundgesetz im Jobcenter gelten muß.

Diese beiden Dinge müssen Leistungsbeziehende dauerhaft auseinanderhalten, und nicht nur das, sie müssen es auch irgendwie schaffen, diese abstrakte und diffizile Unerscheidung zumindest ein paar wenigen Menschen in ihrem Umfeld klarzumachen, um überhaupt Personen zu haben, mit denen sie sich austauschen können.

Das klappt oft nicht.

Manchmal gehen Erwerbslose trotz aller Gegenbeweise davon aus, daß das Jobcenter bestimmte Sachen nicht machen kann, weil sie gegen Gesetze verstoßen, und sind in jedem Einzelfall wieder völlig schockiert, wenn es doch passiert.

In anderen Fällen sehen Erwerbslose, daß Gesetze keine Wirkung auf das Jobcenter haben, und schließen daraus, daß es daher auch völlig sinnlos ist, Rechte einzufordern.

(Nachträgliche Ergänzung: Hier ein ganz aktuelles Beispiel dafür, was man mit Erwerbslosen machen kann, aber nicht mit anderen Leuten)

Um dem Unverständnis der Erwerbslosen entgegenzuwirken, könnte man in jedes amtliche Schreiben etwa diesen Textbaustein einfügen:

„Das Jobcenter wird Ihre Grund- und einfachen Rechte systematisch mißachten, obwohl Sie sich eigentlich im Geltungsbereich des Grundgesetzes befinden.“

Die schiere Niedertracht, Bösartigkeit und Menschenverachtung verschlägt einer die Sprache.

Und dabei geht es in erster Linie mal überhaupt nicht um die individuelle Niedertracht einzelner Beschäftigter, sondern um die Niedertracht des systematischen Verwaltungshandelns und, insoweit es von Gesetzen bestimmt wird, auch der Gesetze.

Die individuelle Niedertracht und das Ressentiment einzelner Beschäftigter kommen dann manchmal noch dazu, doch auch wenn nicht: Daß Menschen sich bereitfinden, täglich berufsmäßig andere Menschen derart zu bedrohen und zu entrechten, liegt häufig weit, weit weg von jeder Alltagserfahrung, die Leistungsbeziehende bis dahin gemacht haben.

Wenn „es einer die Sprache verschlägt“ denkt man eher daran, daß jemand gar nichts mehr sagen kann.

Doch die Worte fehlen auch bei der Verarbeitung der eingehenden Informationen.

Diesen kognitiven Zustand zum Beispiel beschreiben meiner Erfahrung nach dann viele Erwerbslose etwas unpräzise mit „Ich verstehe nicht“.

Regelmäßig suchen Betroffene in dieser Situation nach Bezugspunkten.

Immer wieder erzählen mir Erwerbslose, ganz unabhängig voneinander, daß sie überlegt und recherchiert haben, und da hätte es mal ein Experiment gegeben, und fangen an, zu erklären, und ich sage: „Ah, Du meinst das Milgram-Experiment.“ Und dann erzähle ich, daß es auch vielen anderen Erwerbslosen so geht, daß sie den Vergleich aufschlußreich finden und das Wissen über das Milgram-Experiment ihnen hilft, zu verstehen, was im Jobcenter abgeht.

Die Information, daß auch andere das so sehen, und man mit dieser Wahrnehmung nicht alleine steht, sondern sie im Gegenteil weit verbreitet ist, führt zu einer weiteren kognitiven Entlastung. Man spürt richtig, wie in dem Moment der Druck nachläßt.

Wenn man den Erwerbslosen diese mühevolle Denkarbeit ersparen und das Verständnis erleichtern wollte, könnte man in alle Schreiben des Jobcenters einen Textbaustein einfügen:

„Sie werden sich die Handlungen unserer Beschäftigten leichter erklären können, wenn Sie sich mit dem Milgram-Experiment beschäftigen.“

Handlungen des Jobcenters lassen sich nicht rational erklären

Auf allen Ebenen werden Aussagen darüber gemacht, welche Ziele die Jobcenter mit ihrem Handeln verfolgen.

Das fängt beim Gesetzgeber an, über die Bundesagentur für Arbeit, und hört bei der einzelnen Sachbearbeiterin auf.

Man kann übrigens auch regelmäßig darüber in der Zeitung lesen, etwa wenn Andrea Nahles mal wieder behauptet, die geplanten Gesetzesänderungen im Sozialrecht dienten der „Rechtsvereinfachung“.

Wenn man solche Aussagen über die Ziele und den Sinn der Tätigkeit der Jobcenter zugrundelegt, tun Jobcenter oft das Gegenteil von dem, was man aufgrund dessen zwingend erwarten müßte.

Da diese Inkonsistenz zum Beipiel auch dann auftritt, wenn ganze Biographien systematisch und unerbittlich zerstört werden, kann man sie nicht als sympathische kleine Idiosynkrasie abtun oder ignorieren.

Oder jedenfalls nicht aus der Perspektive der Betroffenen.

Sich erklären zu können, was mit einer geschieht und warum, wird unglaublich wichtig, nicht nur für die eigene Handlungsfähigkeit, auch für das Seelenheil.

Beispiel „Fachkräftemangel“. Das Märchen vom Fachkräftemangel (hier eine sehr ausführliche Analyse) wird unter anderem auch von der Bundesagentur für Arbeit verbreitet. Davon ausgehend, ist es durch und durch irrational, wenn Erwerbslose mit guter Qualifikation unter Androhung von Sanktionen in Jobs gedrängt werden, die weit unterhalb ihrer Qualifikation liegen.

Es ist irrational, wenn bei leicht gealterten Qualifikationen nicht fortgebildet wird, sondern die Qualifikation aus dem Bewerberprofil gestrichen wird.

Da viele Niedriglohnjobs gar nicht aus dem Leistungsbezug herausführen, und wer einmal in den Niedriglohnsektor gerät, auch dort bleibt, werden auf diese Weise Aufstockerkarrieren mit Zwang gegen die Interessen der Leistungsbeziehenden durchgesetzt.

Dabei wird der „verfestigte“ Leistungsbezug gleichzeitig öffentlich unter mitleiderregend kullernden Krokodilstränen beweint.

Oder nehmen wir die bizarren „Maßnahmen“: An den Lebenshaltungskosten der Erwerbslosen wird gespart, ohne Rücksicht auf Verluste, und wenn jemand seine Wohnung verliert, weil der Antrag nicht rechtzeitig bearbeitet wurde, um so besser, dann fallen in Zukunft auch keine Kosten der Unterkunft mehr an.

Wie sich dadurch die Ausgangsposition am Arbeitsmarkt verschlechtert, ist erst recht irrelevant.

Aber für die aller-abstrusesten Maßnahmen ist Geld da.

Ein solcher Umgang mit Geld ist extrem irrational.

Auch wer durch die Schuld des Jobcenters Wohnung und Krankenversicherung verloren hat, wird weiter mit Sanktionen bedroht, um eine „Eingliederung“ zu erzwingen.

Adjektive wie „durchgeknallt“ und „freigedreht“ drängen sich auf, einem „Verständnis“ erschließt sich das nicht mehr.

LeichteSprache2
Rechtsfolgenbelehrung in leichter Sprache Quelle

Dennoch muß man in seinem Sprachgebrauch schon besonders zickig und spießig sein, und auch eine gewisse Konfliktbereitschaft gehört dazu, um von der Formulierung „das verstehe ich nicht“ auf „dafür habe ich kein Verständnis“ zu wechseln.

Es bringt auch nix, denn auch wenn man den präziseren Ausdruck wählt, wird er von Personen mit der entsprechenden weitverbreiteten Voreinstellung sofort wieder umgedeutet auf mangelndes intellektuelles Verstehen. (Ein weiterer Ausdruck von Diskriminierung, übrigens.)

Oder, nehmen wir 1-€-Jobs. Auch hier wird die Teilnahme unter Androhung von Sanktionen erzwungen. Jetzt erfüllen aber viele 1-€-Jobbende öffentliche Aufgaben, die früher ganz normal von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ausgefüllt wurden.

Sie vernichten Arbeitsplätze. Daß dies im Ergebnis zu höherer Arbeitslosigkeit führt, nicht zu verringerter, erschließt sich auch Menschen mit sehr geringer Lesekompetenz.

Solange man also die Behauptungen der AkteurInnen zugrundelegt, wozu die „Arbeitsvermittlung“ der Jobcenter dient, versteht man sie selbstverständlich nicht.

Nachträglicher Ergänzung: Hier und hier zwei Erfahrungsberichte Erwerbsloser aus den letzten Tagen.

Meiner langjährigen und durchgängigen Erfahrung nach würden Erwerbslose das Handeln und damit auch die Schreiben vom Jobcenter sofort viel besser verstehen, wenn sie folgende Passage enthielten:

„Disclaimer: Wie behaupten immer, daß die Arbeitsvermittlung im Sinne Ihrer Unabhängigkeit von Sozialleistungen erfolgt. Wir müssen das behaupten, weil wir sonst unsere Repressionsmethoden nicht vor der Öffentlichkeit und vor den Gerichten rechtfertigen könnten. In Wirklichkeit geht es aber darum, Niedriglöhne am Arbeitsmarkt durchzusetzen, Arbeitnehmerrechte zu untergraben und die Gewerkschaften zu schwächen.“

Die meisten Erwerbslosen wollen sich möglichst wenig mit der Bürokratie der Jobcenter befassen.

Dafür kann es verschiedene Erklärungen geben.

Vorherrschend ist der Ansatz, daß es „eben einfach sehr komplex“ ist.

Mal mehr und mal weniger garniert mit Anspielungen auf unsere geistigen und sozialen Fähigkeiten.

Ein weiterer Ansatz ist der, daß wir Erwerbslosen eben einfach nicht emanzipiert genug sind, um uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

(Übrigens: Wieso denn UNSERE Angelegenheiten??? Haben WIR die Jobcenter eingerichtet??? Passiert das alles für UNS??? Spoiler: Nein.)

Beiden Ansätzen ist nicht nur gemeinsam, daß sie Erwerbslose herabsetzen. Das alleine wäre ja schon schlimm genug.
Aber beide Ansätze verstellen auch den Blick auf die Realität.

Ein paar andere Ansätze, die ich aus meiner Erfahrung für realistischer halte:

– Wenn man sich näher mit dem Jobcenter, der Gesetzgebung, der Verwaltungspraxis und allem befaßt, hat man es mit einer unglaublich widerwärtigen und abstoßenden Materie zu tun.

Geschwurbel, Bullshit und Ressentiment sind die ekligen Bestandteile dieser Mischung, nicht die Komplexität.

Die ganze Komplexität kommt ja nur dadurch zustande, daß die eigentlichen Ziele der Agenda 2010 sich derartig kraß gegen die Allgemeinheit und gegen die FDGO™ richten, und dies verschleiert wird.

Ich hab mich eine Zeitlang ja intensiver damit befaßt, und die Lektüre mancher Texte kann körperlich krank machen.

Man kann sich natürlich leicht dagegen absichern, indem man darauf verzichtet, einen Text mit der Realität abzugleichen. Dann versteht man ihn halt nicht.

Oder man spart sich die Lektüre gleich. Dann versteht man auch nicht die Zusammenhänge, die der Text behandelt.

Die meisten Erwerbslosen befassen sich schon aus Selbstschutz nicht mit einer derart dreckigen Materie.

– Ein weiterer sehr berechtigter Grund ist der, daß viele Erwerbslose nicht in Vollzeit als Erwerbslose beschäftigt sein wollen, sondern mit ihrer Zeit andere Pläne haben.

Obwohl es auch schon sinnvoller und angenehmer sein dürfte, den ganzen Tag in der Nase zu bohren, als sich mit dem Blödsinn des Jobcenters zu beschäftigen und dem Sachbearbeiter das Händchen zu halten bei seinen systembedingt untauglichen Versuchen, eine „einzugliedern“, geht es in Wirklichkeit eher darum, daß Erwerbslose lieber auf ihre eigenen Bemühungen setzen, ihre berufliche Zukunft zu gestalten, als sich mit dem Jobcenter zu befassen.

Oder sie nehmen ihren Aufstockerjob wichtiger, die Pflege von Angehörigen, die Erziehung von Kindern, ihre Weiterbildung, ihre politische Aktivität oder oder ihr sonstiges Ehrenamt.

– Ein weiterer Grund für viele Erwerbslose, sich möglichst wenig mit dem Hokuspokus der Jobcenter zu befassen, ist, daß diese Nichtbefassung geradezu als coping-Strategie für Wohlbefinden und Erfolg bei der Arbeitssuche und im Berufsleben gehandelt wird.

Ich meine die Strategie, sich nicht mit Negativem (= Bürokratie und Repression der Jobcenter) zu befassen, sondern sich auf Positives zu konzentrieren, also Positives Denken, think pink, die rosarote Brille.

An dieser vermeintlichen coping-Strategie gibt es viel Kritik.

Wenn ein Mensch diese Strategie anwendet, der von Haus aus nicht die erforderliche tiefgehende Ignoranz besitzt, dann dauert es von der Erstantragstellung bis zu klinischen Depression ziemlich genau zwei Jahre, meinen persönlichen Beobachtungen nach.

Comic: Eine Frau und ein Einhorn sitzen am Tresen und trinken. Das Einhorn sagt: "Komm, stell dich glücklich, wenn du zu traurig bist! Schenk uns ein Lächeln, wenn Dir zum Heulen ist! Zwei Gläser Rotwein und drei Schuß frischer Schmerz! Trink, wenn du leidest, zum Schluss zerbricht dein Herz!"
Comic von islieb.de, Lizenz

Dennoch muß man es ja den Leuten selbst überlassen, mit welcher Strategie sie ihr seelisches Wohlbefinden schützen.

Ich würde niemals versuchen, jemandem da Vorschriften zu machen. Sinnvoller ist es, die Kritik an diesem Ansatz zu verbreiten und besonders diejenigen mit dieser Kritik zu konfrontieren, die Erwerbslosen (und anderen) die rosarote Brille aufsetzen wollen.

Denn wenn man genau hinsieht, sind das häufig genau diejenigen, die sich zu recht ein bequemeres Leben davon versprechen können, wenn Erwerbslose ihnen nicht allzu genau auf die Finger schauen.

Gegen diese absolut legitimen Gründe, sich als Leistungsbezieherin nicht allzu intensiv mit dem Bullshit der Arbeitspolizei zu befassen, hilft keine leichte Sprache und kein Gemecker über angeblich mangelnde Emazipation der Erwerbslosen.

Wichtiger wäre, mal offen und ohne Herabsetzung festzustellen, daß viele Erwerbslose gute bzw. zumindest legitime Gründe für diese Entscheidung haben.

Vorgeschlagener Textbaustein:

„Wir verlangen von Ihnen, daß sie sich voll auf die Arbeitssuche und die Beseitigung Ihrer Vermittlungshemmnisse konzentrieren.
Gleichzeitig müllen wir Sie mit bürokratischem Blödsinn zu, und wenn Sie sich nicht damit befassen, statt sich um Ihre berufliche Zukunft zu kümmern, wird es Sie bares Geld kosten. Vielleicht wird Ihnen sogar der Strom abgestellt, oder Sie verlieren Ihre Krankenversicherung oder sogar Ihre Wohnung.
Unsere bürokratischen Äußerungen verschwurbeln wir extra, damit Sie nicht merken, wie mies wir Sie eigentlich behandeln, denn anderenfalls könnten Sie böse werden.
Sie können nicht gewinnen.“

Zusammenfassung

Das Unverständnis der Erwerbslosen ist weder durch unsere Doofheit verursacht, noch durch die Komplexität™ der Bürokratie.

Daher kann es auch nicht dadurch gebessert werden, daß Schreiben des Jobcenters in leichter Sprache verfaßt werden.

Ein erfolgversprechenderer Ansatz zur Verringerung des Unverständnisses wäre es, die Textbausteine in amtliche Schreiben aufzunehmen, die ich hier nochmal alle aufführe:

– Das Jobcenter wird Ihre Grund- und einfachen Rechte systematisch mißachten, obwohl Sie sich eigentlich im Geltungsbereich des Grundgesetzes befinden.

– Sie werden sich die Handlungen unserer Beschäftigten leichter erklären können, wenn Sie sich mit dem Milgram-Experiment beschäftigen.

– Disclaimer: Wie behaupten immer, daß die Arbeitsvermittlung im Sinne Ihrer Unabhängigkeit von Sozialleistungen erfolgt. Wir müssen das behaupten, weil wir sonst unsere Repressionsmethoden nicht vor der Öffentlichkeit und vor den Gerichten rechtfertigen könnten. In Wirklichkeit geht es aber darum, Niedriglöhne am Arbeitsmarkt durchzusetzen, Arbeitnehmerrechte zu untergraben und die Gewerkschaften zu schwächen.

– Wir verlangen von Ihnen, daß sie sich voll auf die Arbeitssuche und die Beseitigung Ihrer Vermittlungshemmnisse konzentrieren.
Gleichzeitig müllen wir Sie mit bürokratischem Blödsinn zu, und wenn Sie sich nicht damit befassen, statt sich um Ihre berufliche Zukunft zu kümmern, wird es Sie bares Geld kosten. Vielleicht wird Ihnen sogar der Strom abgestellt, oder Sie verlieren Ihre Krankenversicherung oder sogar Ihre Wohnung.
Unsere bürokratischen Äußerungen verschwurbeln wir extra, damit Sie nicht merken, wie mies wir Sie eigentlich behandeln, denn anderenfalls könnten Sie böse werden.
Sie können nicht gewinnen.

——–
* Das Beispiel ist fiktiv, aber realitätsnah

Keinen Beitrag mehr verpassen?

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

Advertisements

48 Gedanken zu “Vom Unverständnis der Erwerbslosen

  1. Liebe Christel T.,
    auch dieser Aufsatz von Ihnen ist wieder ganz gross!
    Gleich Ihnen erscheint es mir unabdingbar wichtig, dass auch die nicht unmittelbar von Hartz4 Betroffenen sich als zu dem geschlossenen System zugehörig begreifen, ein Aspekt, den Sie in Ihrer jüngsten Schrift ja auch noch einmal kurz behandelt haben. Wir sind alle Arbeitslose, nämlich immer dann, wenn wir uns von unserer Arbeit zur Ruhe begeben bzw. eine neue noch nicht aufgenommen haben.
    Wir öffentlich so titulierten Arbeitslosen sind sicher auch nicht von jeglichem Schattenelement radikal frei; doch dieses schleicht sich hüben wie drüben ein. Eigentlich dürfte unsere Verwunderung darüber sich stark begrenzen, wo man doch gewaltsam solche Trennungen herbeiführt.

    Die Herausarbeitung einzelner schwer dysfunktionaler Abteilungen oder Ebenen im organisatorischen Gefüge des Systems ist zwar von Bedeutung, um das Ganze besser erfassen, aber umgekehrt kann man auch schon die Vogelperspektive einnehmen, um die Detailvorgänge besser einzuordnen. (Früher oder später kommt man ohnehin da nicht herum.) Ich habe einmal den Versuch unternommen, und folgende Betrachtungsmöglichkeiten vorgeschlagen. Probleme sind u.a.:

    -Die mangelnde Bereitschaft/Fähigkeit/Zeit zur Verinnerlichung, zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Wer bin ich, was erwarte ich vom Leben, was brauche ich/brauche ich nicht? Was macht mir Spaß, was weniger? Welches Verhältnis habe ich zur Arbeit, zu meiner und der anderer? Könnte das Leben nicht kontinuierliche Arbeit an sich selbst sein?
    – Die weitverbreitete Definierung des persönlichen Existenzwerts über die in Geldmengen abgewogene Leistung und das damit verbundene Statusdenken, die Vergegenständlichung, kurzum Materialismus.
    -Die daraus entspringende Verknappung und Reduzierung sogar der Geisteswissenschaften infolge zumeist rein empirisch-oberflächlichen Denkens.
    -Das falsche, umweltschädigende und veheerende Anreizsystem, welches ein unerschöpfliches Reservoir an materiellen Ressourcen und Glück durch faden äußeren Konsum vorgaukelt, Stichwort Ersatzbefriedigungen.
    -Die Auslösung negativ besetzter Empfindungen angesichts möglicher Entbehrungen solcher Schätze bis hin zur Angst, teils sehr gezielt.
    -Die Herausbildung von in der Regel kurzlebigen (und vielleicht erst nicht so gemeinten) Zweckgemeinschaften, die echter Solidarisierung bzw. Verbindung entgegensteht auf Basis straffster gesetzlicher Verwaltung von Kapital und Gütern als Lebens- und Seinsgrundlage (siehe als Paradebeispiel manche Ehe).
    -Das ungeheuer enggefaßte Organisation des Systems, mit seinen scharf voneinander abgegrenzten strukturellen Ebenen, die in der, eigentlich an Alternativen reichen, Gegenwart ein überwiegendes Herrscher- und Machtsystem nicht nur ermöglichen, sondern sogar provozieren und stark selbstverstärkende Funktion haben.

    (Natürlich überschneidet, deckt und verbindet sich da vieles, aber mit solcher und größerer Komplexität hat man heutzutage zu tun…)

    Gefällt mir

  2. aus Zeitgründen nur einige Punkte:

    1. ……Die Jobcenter sparen an den Leistungen für Erwerbslose nach dem Motto “legal, illegal, scheißegal”…..

    wieso ’sparen‘? Sparen heißt vorhandenes Geld zurücklegen für später, größere Anschaffungen. Das wass die Jobcenter und andere Bürokrtaien machen nennen wir schlichtweg ’stehlen‘. Denn die enthalten den Menschen gesetzlich zustehende Leistungen vor, nach der Regel: 100 Streichungen – 30 machen WIderspruch. 5 klagen, 4 machen einen Vergleich (zahlen also mit dem Geld die Gerichtskosten mit) und 1 kommt durch = 95 mal ‚gespart‘ = gestohlen.
    Oder wie können die plötzlich 600 Mio. aus der Weiterbildung in die eigene Verwaltung umleiten?

    2. ……Um dem Unverständnis der Erwerbslosen entgegenzuwirken, könnte man in jedes amtliche Schreiben etwa diesen Textbaustein einfügen:
    “Das Jobcenter wird Ihre Grund- und einfachen Rechte systematisch mißachten, obwohl Sie sich eigentlich im Geltungsbereich des Grundgesetzes befinden.”…..

    Einfacher: Das Jobcenter wird sich an keine Gesetze halten! – Das Jobcenter wird alle Sozialgesetze, Grundgesetz, UN Behindertenrechtskonvention verweigern! PS wer gegen das Grundgesetz handelt, ist ein Verfassungsfeind = Terrorist!
    Theoretisch kann man auch ein Schild über den EIngang montieren ‚Lasst alle Hoffnung fahren, (hier haben wir das sagen)!

    Gefällt mir

  3. Nachtrag: man sollte nei vergessen, woher das Personal der Jobcenter kommt – die wurden dort alle abgestellt = entsorgt, bzw. werden nach dem ‚Studium‘ an der Verwaltungsakademie für 2 Jahre reingesteckt, damit sie eingenordet werden und ihren Vertrag erfüllen können (O-Ton Bürokratte).
    Frage: Welche Mitarbeietr wird ein Abteilungsleiter wohl abstellen, wenn er genau weiß, dass er diese freiwedernden Stellen nicht wieder besetzen kann und die Arbeit immer mehr wird? Garantiert nicht seine besten Mitarbeiter!

    Gefällt mir

  4. Hallo, Du hast ja immer sehr ausführliche Artikel, muß ich mir richtig mühe geben alles zu lesen, wollte mal ein Like setzen ..fehlt aber der Button 😉

    Gefällt mir

    1. Zum Thema (zu) lange Artikel: Ja, eigentlich hätte ich diesen hier auch nochmal in vier kleinere Häppchen aufteilen können.

      Ich seh auch, daß das eher den heutigen (Lese-)Gewohnheiten entsprechen würde, daß es meistens so gemacht und daher erwartet wird.

      Mir kommt es aber immer so uncharmant vor, meinen LeserInnen zu unterstellen, daß Ihr nur kleine Häppchen verdauen könnt. Die Rolle, auf einem Text zu sitzen, und ihn nur in kleinen Portiönchen rauszurücken, gefällt mir auch nicht so.

      Kleiner Dauerkonflikt zwischen dem, worum es geht, und der allgemeinen Verdaulichkeit des Blogs. Ich tendiere dazu, Euch einiges zuzutrauen.

      Und was man bei diesem Text auch noch nicht so mitbekommen hat: Zu diesem Unverständnis der Erwerbslosen und der leichten Sprache und dem Amtsdeutsch und dem Jobcenterdeutsch wäre noch soooo viel mehr zu sagen, dieser Text hier ist eigentlich schon ein kleiner Ausschnitt.

      Allerdings blogge ich auch normalerweise viel seltener als die letzten Tage, so daß es im Schnitt viel weniger zu lesen gibt als in letzter Zeit.

      Gefällt 1 Person

      1. Ja großes Thema, ich hab grad nen weiteren Dauertab mit deinem Blog offen und lese in Häppchen 😀
        Was ganz praktisch ist man kann Artikel planen die dann automatisch veröffentlicht werden, das nutze ich manchmal

        Gefällt mir

          1. Ja, es steckt ja auch unheimlich viel drin in deinen Texten, ich finde das wird durch die Länge etwas verborgen. Also ich arbeite mich weiter durch, jetzt grad bei Wiki mit diesem Milgram…

            Gefällt 1 Person

  5. Zu der Anwältin vom Anfang: es geht nicht darum ob das zu verstehen ist sondern darum ob es eben richtig bzw falsch berechnet wurde, was ja faktisch festgelegt ist. Finde ich eher unprofessional ein „nicht verstehen“ zu äußern“. Besser ist: Das sind die Fakten, das nehmen wir so nicht hin, und fordern dieses und jenes, darauf kann man dann aufbauen. Die Sozialgerichte stehen ja auch ganz oft schon auf der Seite der Hartz4 Bezieher, ist so meine Erfahrung.

    Gefällt mir

    1. Ja, darauf wollte ich vielleicht nochmal in einem weiteren Blogpost zum Unverständnis mal irgendwann eingehen.

      Man kann manchmal gar nicht wissen, ob die Summe wirklich falsch ist oder nicht, weil die Leistungsbescheide gar nicht die Information enthalten, die einer erlaubt, das zu beurteilen.
      Wenn da einfach nicht drinsteht, warum das Jobcenter etwas abgezogen hat, dann kann man das gar nicht so recht beurteilen, ob das berechtigt ist oder nicht.

      (Ich hab auch schon mal versucht, das Jobcenter dazu zu bringen, daß sie vernünftige Bescheide erlassen, die diese Infos enthalten. War reiner Sport, ohne Wirkung.)

      Gefällt 1 Person

      1. ja stimmt, ich hatt ekürzlich einen Brief mit Neuberechnung und da standen dann irgendwelche Paragrafen als erklärung, da hab ich dann ne Mail geschrieben weil ich das unter aller Sau fand ehrlich gesagt und hab dann auch zum Glück eine verständliche Antwort bekommen…aber diese art der Sprache ist echt ein Kapitel für sich…

        Gefällt mir

        1. Ja, da sind die Geschmäcker unterschiedlich. Ich reg mich zum Beispiel immer total kraß drüber auf, wenn die Paragraphen nicht drinstehen, weil ich dann die Begründung nicht überprüfen kann oder mir erst mehrere Sozialgesetzbücher durchlesen muß.

          Gefällt mir

          1. 3. Vorgehensweise: Wir haben die vollständigen Paragraphentexte im Brief eingefordert, und auch die Gesetzbücher inkl. Kommentare beantragt – die suchen immer noch eine Ausrede ;-)))))
            Denn wenn die schon die §§§ Nummern einsetzen, dann gehört auch der gesamte Text dazu – oder wer kennt die Gesetze.
            ACHTUNG – wer die Texte selbst nachschlägt, gilt als FACHKUNDIG und braucht keine Beratung von Jopbcenter/Sozialbehörden!

            Gefällt mir

          2. Paragrafen ansich find ich nicht schlecht aber nicht so das es dazu keine Erläuterung gibt. Schließlich muß der Empfängr den Brief ja verstehen auch ohne erst nachzuschlagen

            Gefällt mir

  6. Es ist auch hier sehr „schön“ zu sehen, wie alles auf die Demütigung der Arbeitslosen abgestimmt ist, wie alles im Gleichklang miteinander zusammenwirkt! Das Unverständnis des juristischen Laien derartigen monströsen Juristenlateins gegenüber ist die überkommende Ohnmacht, die den Ärmsten mit seinen – gerechtfertigten – Ängsten komplett kaltstellen kann.

    Dem Jobcentermitarbeiter, den man fast ebenso unwissend hält, wird der Verhalt, möglicherweise ganz unbewusst, ein Überlegenheits- und Machtgefühl par excellence eingeben. Dies kann möglicherweise idiotischen Arbeitsprozessen und -routinen alibihaften, ersatzweisen „Sinn“ verleihen, um den Mitarbeiter in seiner Rolle zu bestärken, ihn mit seiner Tätigkeit auszusöhnen; ja so mancher wird darin vollkommen aufgehen!

    Die macht wiederum den Arbeitlosen noch kleinlauter, was unser Arbeiter auch gemäß der Doktrin zum Anlaß nehmen dürfte, das unfertige, vielleicht jetzt sogar stotternde Häufchen Elend an der anderen Seite des Schreibtisches erst recht als unqualifizierten Problemfall ohne rechte Sendung und Orientierung einzusortieren! Die grausame Ironie: er behält jetzt gewissermassen irgendwo recht – womit das Verhältnis nur immer gestörter wird.

    Was nun nach aussen, in die breite Gesellschaft hinein getragen wird, sind vor allem diese unbewusst ausgesandten Signale: und so kommen die Jobcentermitarbeiter vor allem kompetent, souverän und selbstbewusst herüber, ihre Motivationen unverfälscht und rein, während die Arbeitslosen gewöhnlich vor allem deplatziert, verängstigt, nicht mit sich selbst im Reinen, ja schliesslich faul wirken (und zwar häufig, BEVOR man einem solchen überhaupt von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden und flüchtige Worte ausgetauscht hat. Die Trennung ist ja auch schon vorher da.)

    Fazit: Das bisherige System wird im Gleichgewicht gehalten; es kann gar nicht anders, als dort zu verharren.-

    Wenn nun jemand, wie vorgekommen, als wirklicher oder vorgeblicher Vertreter von Arbeitslosen sagt, dass diese oft SEHR EMOTIONAL reagieren und „man“ RATIONAL vorgehen müsse, um deren Lage zu verbessern, kann er mit dem besten Willen von der Welt damit eine ganz andere Botschaft hinaustransportieren – solche Undinge kommen eben bei fortgesetzter Unterdrückung heraus.

    Das ist zwar etwas pauschalisiert – weiter ausdifferenzieren liesse sich immer alles – doch kommt der Wirk-lichkeit meines Erachtens schon ziemlich nahe.

    Um uns der Opfer-Täter-Rollen so weit wie möglich zu entziehen, sollten allerdings alle Seiten ihre Sprache sowie ganzes Weltbild immer wieder neu auf den Prüfstand stellen. Der verhängnisvolle Einfluss der Unterdrückung wirkt im GESAMTEN menschlichen Bewusstsein!

    Gefällt 1 Person

    1. Ich stiess auf eine Zeile in Lennons „working class hero“, die genau das in schoenster Praegnanz beschreibt. Naemlich diese:

      „…Till you’re so fucking crazy you can’t follow their rules…“

      WER hat John Lennon getoetet? WER toetet ihn immer noch?

      Gefällt mir

    2. Genau, diese Konstruktion von Unverständnis, durch Machtverhältnisse ist auch so ein Punkt. Ein weiterer Text zu diesem Aspekt ist in Planung. Vorher kommt aber noch ein anderer Punkt dran.
      Ich dachte schon lange, daß ich mal einen kurzen Blogpost darüber schreibe, was an komplexer juristischer Sprache anders ist als an euphemistischer Jobcentersprache, und warum es ein bißchen unüberlegt ist, wenn Organisationen für Erwerbslose immer so in den Vordergrund stellen, daß wir die bescheide nicht verstehen.
      Und jetzt stellt sich heraus, daß es ein irre riesiges Thema ist, mit dem ic noch lange nicht fertig bin!

      Gefällt mir

  7. Hallo,
    ich finde Hartz4 sollte man umbenennen in „Hartzer Käse“. Es stinkt buchstäblich zum Himmel. Ich denke, es wäre für alle Beteiligten besser, die Hartz4-Gesetze zu kippen und stattdessen ein bedingungsloses Grundeinkommen bereitzustellen. Dazu wurden auch schon Berechnungen angestellt und dieses Einkommen wäre auch aus Staatsmitteln finanzierbar.

    Gefällt 1 Person

  8. Zu dem:
    „– Disclaimer: Wie behaupten immer, daß die Arbeitsvermittlung im Sinne Ihrer Unabhängigkeit von Sozialleistungen erfolgt. Wir müssen das behaupten, weil wir sonst unsere Repressionsmethoden nicht vor der Öffentlichkeit und vor den Gerichten rechtfertigen könnten. …“
    wäre anzumerken, daß die Jobcenter sich gar nicht mehr bemüßigt fühlen, sich vor irgendwem wegen irgendwas zu rechtfertigen. Wo kämen wir da hin? Beispielsweise: Das SG Dresden stieß anscheinend wiederholt auf heitere Ignoranz bei seinem Bemühen, im Wege der Amtsermittlung Akteneinsicht im dortigen JC zu erhalten, um Leistungsklagen bescheiden zu können.

    Es entsteht der Eindruck, daß der Gesetzgeber den Fall, daß Behörden sich weder an Rechtsvorschriften noch an Aufforderungen der Justiz halten, nicht nur erwogen, sondern in das Selbstverständnis der JCs eingebaut hat.

    Natürlich nur, solange sie nicht selber Amtshilfe benötigen.

    Gefällt 1 Person

    1. Generell stehen „Jobcenter“ in keinem guten Ruf bei anderen – echten – Behörden, bei Krankenkassen, Ärzten, und so weiter. Kommt man dort auf die „Arbeit“ des „Jobcenters“ zu sprechen, ist ein Stirnrunzeln noch das mindeste. Und auch eine Ärztin, die sonst immer sehr dezent und distinguiert in ihrem Ausdruck ist, bei der ich dieses Thema mal anschnitt, fand für ihre Verhältnisse sehr deutliche Worte um auszudrücken, was sie vom Mobcenter hält.

      Und von wegen der Intention des Gesetzgebers. Hatz4 ist ein System, welches aus vielen Bausteinen besteht. Hier einige: Man verwendet unbestimmte Rechtsbegriffe im Gesetz. Man gibt ein Übermaß an Ermessen. Es werden gesetzliche Vorschriften so gestaltet, daß sie hart an der Grenze der Verfassungswidrigkeit sind oder schon jenseits davon (denn bis ihre Verfassungswidrigkeit nicht durch das BVerfG festgestellt ist, haben sie trotzdem Geltungskraft!). Es werden die Mitarbeiter der „Jobcenter“ durch verschiedene Mechanismen (Zielerreichung und deren Kontrolle, Befristung der Stelle, Sprachregelungen, schnelle Einweisung, Arbeitsüberlastung…) unter Druck gesetzt. Es wird eine Sprachregelung getroffen, mit diesem Neusprech wird Propaganda betrieben. Es werden mittels Demagogie Ressentiments gegenüber den Betroffenen geschürt. Es wird die Zuständigkeit der Sozialgerichte bestimmt, diese werden sehenden Auges schlecht ausgestattet. Die BfA führt Kontrollmechanismen, Planwirtschaft und zu erreichende Ziele ein, die zwar lächerlich sind, jedoch einerseits dazu führen, Ihre Arbeit in gutem Licht erscheinen zu lassen, andererseits dazu, daß die Betroffenen reine Verfügungsmasse sind; für die BfA lediglich Mittel zum Zweck. Hauptsächlich, um die Statistik fälschen zu können.

      Man könnte noch eine Menge mehr anführen, mir fällt im Moment nichts mehr ein. Auf jeden Fall greift hier eines ins andere. Ein bißchen Änderung an den Gesetzen, eine andere Praxis im Gebaren der „Jobcenter“, erklärte Bescheide und so fort wären nur Kosmetik. Die ganze Sch…. gehört, so wie sie ist, in den Müll.

      Gefällt 1 Person

      1. „Die BfA führt Kontrollmechanismen, Planwirtschaft und zu erreichende Ziele ein, die zwar lächerlich sind, jedoch einerseits dazu führen, Ihre Arbeit in gutem Licht erscheinen zu lassen“ (CJB)

        Ich komme aus der EX-DDR und fühle mich in Bezug aufs Jobcenter immer an die dunkle Seite der DDR erinnert. „Planwirtschaft“, ja, es ist immer dieses Spiel mit Zahlen, es müssen so und so viele in irgendeine Maßnahme gebracht werden und diese und jene Quote muss erfüllt werden und der Mensch bleibt da völlig zurück. Alles nur ein Zahlenrumgeschiebe und der „Kunde“ muss drunter leiden. Und weil die Vermittler eh nix vermitteln können, weil der Markt seine eigenen Gestze hat, da sind sie dann eben alles zusammen: Lehrer, Polizisten, Geheimdienstagenten…Kontrolle der Bewerbungen, Kontrolle der Gesinnung, Kontrolle, Kontrolle.
        Dann diese Selbstherrlichkeit vieler Arbeitsvermittler, diese Realitätsferne, auch so ein bisschen DDR-typisch, jeder latscht irgendwo mit und brüllt irgendwelche Parolen, egal, wie abgedroschen die Phrasen sind.
        Und diese stetigen Vorladungen, wie Verhöre im MfS-Stil, allerdings wird man zum Glück noch nicht körperlich geschlagen oder so (psychisch, finde ich, wird man aber schon fertiggemacht) – aber vielleicht kommt das ja auch noch mit dem körperlichen Schlagen mit der Begründung, das müsse so sein, so als Hilfe für einen, wie bei den Sanktionen, die ja laut Aussagen einiger Politiker nur zur Hilfe und Motivation gedacht sind.

        Sorry, ich weiß dass der DDR-Vergleich nicht ganz pc ist, aber vergleichen heißt ja auch nicht gleichsetzen…

        Gefällt mir

        1. Ich finde auch, Vergleiche können sehr nützlich sein, nicht nur um Gemeinsamkeiten, auch um Unterschiede festzustellen. Würd mir auch oft wünschen, daß stärker zwischen Vergleich und Gleichsetzung unterschieden wird.

          Ich bin ja selbst ein Wessi, aber Vergleiche zwischen Jobcenter und Stasi hab ich da schon ganz andere gehört.

          Gefällt mir

        2. Hallo Christoph,
          (Du kommst nicht aus der Ex-DDR, sondern aus der DDR. Dafür brauchst Du dich nicht schämen, indem Du diesen merkwürdigen Ausdruck verwendest.)

          Zum Fertiggemachtwerden: „Nimm dir eine Begleitung mit.“ Eventuell suche mal im Internet nach Jobcenterbegleitung, oder ähnlich. Meinen Ar… habe ich die letzen beide Male ganz zahm erlebt, diesen Maschinenmenschen. Weil ich nicht alleine gekommen bin. Ganz nebenbei macht mich es auch zahmer; wenn noch jemand dabei ist, habe ich eher das Gefühl, das Gesicht zu verlieren, wenn ich den … anbrülle oder ihm Komplimente sage, die nahe an der Grenze dessen sind, was durch die Meinungsfreiheit noch erlaubt ist. Das ist nämlich schon alles vorgekommen! Ich kann zu keinem A freundlich sein, ist nicht meine Art und Aufgabe. Jedenfalls nicht dann, wenn er mir ans Existenzminimum geht und mich in Zwangsarbeit stecken will.

          Ich finde deinen Vergleich übrigens ausgesprochen passend, weil die „Jobcenter“ in einer Selbstherrlichkeit und einem rechtsarmen Raum operieren, wie es keine andere Behörde tut. Und selbst, ob die überhaupt eine Behörde sind oder Behördeneigenschaften haben, halte ich für sehr zweifelhaft.

          Du schreibst auch, daß der Mensch bei diesen üblen Spielen keine Rolle spielt. Richtig, und es ist sehr interessant, was das Bundesverfassungsgericht dazu sagt. Nämlich, daß der Mensch/Bürger keine Verfügungsmasse, kein Spielball des Staates und seiner Organe sein darf, weil dieses gegen die Menschenwürde ist. Ich weiß nur leider nicht, in welchen Urteilen dies geäußert wurde, habe diesen Punkt aber mal in der juristischen Literatur gefunden und dann, wie man es bei rechtswissenschaftlicher Arbeit macht, auch Entscheidungen nachgeschlagen. Müßte ich sogar kopiert haben, ich sauge mir das also nicht aus den Fingern.

          Grüße, C

          Gefällt mir

  9. Danke CJB für die lieben Worte. Ja, mit Beistand ist immer besser, wobei ich neulichst erlebt habe, dass der AV selbst mit Beistand ganz schön dreist war, aber man hat dann wenigstens ’nen Zeugen…als ich ein paar Wochen später dann leider keinen Beistand mitnehmen konnte, demaskierte der AV sich dann vollends…Ja, und manchmal mag man auch gar keinen mitnehmen, weil man nicht auch noch seine Freunde mit dieser hässlichen Welt dort konfrontieren will.

    Schlimm finde ich aber auch – und eben das erinnert mich an die DDR-Zeit – wie ich mich dann auch selbst so verhalte: sich immer zu fragen, wie weit kann ich jetzt gehen mit meiner Kritik dort und was sag‘ ich lieber nicht, übe ich ganz offen Kritik oder spaßig anekdotisch verpackt oder sowas opportunistisches nach dem Motto „Ich biete denen jetzt diesen oder jenen Kompromiss an, dann lassen die mich vielleicht in Ruhe“. Das finde ich erst die Hölle, diese inneren Abgründe. Das ist etwas, was z.B. auch viele Künstler aus der DDR ja so beschreiben, wenn sie in ihrer Kunst Kritik äußern wollten, aber immer in diesen Zwiespalt gerieten, wie weit man denn gehen könne. Und das ist so traurig, dass das jetzt wieder so ist. „Weil die Erde eine Kugel ist, was man leicht beweisen kann, kommt jeder der nach Westen marschiert im Osten wieder an“ heißt es in einem Lied des Textdichters Werner Karma von der Gruppe City.

    Zum Vergleich Stasi und Jobcenter: beides war/ist ja so ein Staat im Staate mit einem ganz eigenem Kosmos. Meinen Vergleich habe ich einfach nur aus meinem persönlichen Empfinden so geschildert, ich hab‘ hier aber mal einen schönen Link von der Seite wir-sind-boes, da war folgendes mal gepostet – eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Vergleich MfS, Jobcenter und Sanktionen, aus dem Freitag-Blog, ich hoffe es ist in Ordnung, wenn ich das hier mal reinstelle?:
    https://www.freitag.de/autoren/roesike-axel/sanktion-meint-zersetzung

    Gefällt 1 Person

hier kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s