Soll man jetzt also an „sanktionsfrei“ spenden?

(Spoiler: Weiß ich auch nicht.)

Die Spannung war groß: Auf sanktionsfrei.de und den entsprechenden Socialmedia-Profilen war angekündigt, daß „sanktionsfrei“ heute starten und etwas gegen Sanktionen vom Jobcenter unternehmen würde.

Konkretes war sonst nicht öffentlich bekannt, alles sollte beim großen Launch enthüllt werden.

Heute wurde öffentlich, was gestartet wird, nämlich ein crowdfunding, mit dem 150.000€ eingeworben werden sollen.

Mit dem Geld soll eine Internet-Plattform programmiert werden, mit deren Hilfe Erwerbslose sich leichter gegen Sanktionen wehren können.

Ich war sehr überrascht davon. Erwartet hatte ich, daß jetzt „die Plattform startet“, nicht, daß eine solche Summe eingesammelt wird, bevor die Plttform überhaupt programmiert wird.

Ich spüre keinen großen Druck, jetzt für das Projekt die Werbetrommel zu rühren, denn die Pressekonferenz, mit der „sanktionsfrei“ heute vorgestellt wurde und die live auf youtube zu sehen war, hat ein prima Echo, und die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ist, so weit ich das beurteilen kann, brillant. Mein kleiner Blog dürfte nicht ins Gewicht fallen.

Allerdings hatte ich heute morgen auf Twitter ziemlich für #sanktionsfrei getrommelt, und habe einfach das Bedürfnis nach Klarstellung.

Also bitte:

Viele der Ideen und Pläne, die umgesetzt werden sollen, finde ich sehr interessant. Vielleicht kann man auf diese Weise gegen Saktionen was bewirken.

Über die sehr despektierliche Darstellung Erwerbsloser auf der Pressekonferenz und viele Einzelpunkte kann man sich an anderer Stelle austauschen.

Die Frage, die sich stellt, oder mir jedenfalls, ist eine Abwägung. Zum einen: Jetzt in diesem Augenblick sind, grob geschätzt auf statistischer Basis, 250.000 Erwerbslose sanktioniert, denen fehlt sehr viel mehr Geld als bloß die 150.000€.

Zudem sind Erwerbslose auch nicht die einzigen Menschen auf der Welt, mehr als „LAGeSo“ muß ich da wohl nicht sagen.

Andererseits sind 150.000€ eben so ein winziger Tropfen auf diesen heißen Stein, vielleicht kann man die für etwas nehmen, was am Ende viel, viel mehr bewirkt, als würde man von dem Geld gleich essen kaufen.

Und: Was man sich für eine Wirkung versprechen darf, wenn man das Geld in die Plattform steckt, das kann man ja etwas leichter einschätzen, wenn man ein paar mehr Details kennt. Diese stehen aber, so wie ich die Sache verstanden habe (den Vorbehalt muß ich hier mal machen), noch gar nicht fest, sondern das passiert dann erst während der Entwicklung, nachdem das Geld zusammengekommen ist.

Bevor ich mich dazu äußern kann, müßte ich da wenigstens mal drüber nachdenken.

Und diese Gelegenheit habe ich nicht. Und es war auch ganz klar nicht geplant daß ich, oder daß irgendwer sonst, diese Gelegenheit hat.

Pressekonferenz, Start des Crowdfundings, und sofort fängt die Kohle an, auf startnext reinzuregnen.

Will da niemand mal drüber nachdenken, ob „sanktionsfrei“ da einen coolen Plan hat, der funktionieren kann?

(Boah, dann mach ich auch ein crowdfunding!)

Ich sag auch nichtmal, daß man nicht spenden soll, ich sag nur, daß ich nicht weiß, was ich davon halten soll. Aber ganz ehrlich, die, die jetzt schon über 3.000€ gespendet haben (ca.16:30 Uhr, Pressekonferenz hat um elf angefangen): Wißt Ihr das?

Oder bin ich jetzt einfach nur unspontan und unflexibel?

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24 Gedanken zu “Soll man jetzt also an „sanktionsfrei“ spenden?

  1. Wenn man in 10 Jahren vom Jobcenter um ca. 20.000 € mittels Sanktionen geprellt wurde, und wenn man sich erst sehr spät getraut hat, gegen das JC zu klagen und nach 5 Jahren Klagezeit einen Rechtsstreit über 3000 € gewonnen hat, davon aber gerade mal den Anwalt bezahlen konnte, dann wäre ich froh gewesen, „sanktionsfrei.de“ hätte es damals schon gegeben!

    Wenn alle aktuell Betroffenen auch nur einen kleinen Betrag spenden, dann kann die notwendige Summe für das Projekt bald zusammenkommen: Also, meine Empfehlung – unbedingt spenden – und Widerspruch gegen alle „faulen“ Sanktionen Widerspruch einlegen.

    (Aber auf keinen Fall Schulden für Anwaltskosten machen!)

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  2. Guten Tag,
    nein, unspontan und unflexibel wohl nicht.
    Aber ich denke schon, dass es vor Zuraten oder Abraten gut wäre, alles zu recherchieren und zu lesen und alle Aspekte zu berücksichtigen.
    Eine solche Plattform und vor allem alles was da dranhängt, das lässt sich tatsächlich nicht einfach mal so machen. Zudem diese ja auch datenschutztechnische besonders hoch gesichert werden wird.
    Die wo/menpower, die nötig ist, den Apparat dahinter (Kontakte zu Rechtsanwälten, sonstigen Fachleuten verschiedener Art) zu vertiefen und zu institutionalisieren: auch die ist sehr hoch.
    Wer ähnliches noch nicht unternommen hat, wird es sich kaum vorstellen können, aber es ist so.
    Und dann eben noch der weitere Effekt! Sowohl durch diese Beratung, die Vordrucke, und einfach den emotionalen Schutz der Plattform, sollen Menschen ermutigt werden, Widerspruch und Klagen beim Sozialgericht einzureichen.
    Letztlich will ich mit meinem Widerstandsbuch ja ähnliches.
    Und dann kommt eben noch hinzu, dass auch das Ausfallrisiko übernommen werden soll, eben diese durchschnittlich 109,- Euro Sanktion. Das kann die Menschen ganz konkret ERMUTIGEN, im Wortsinn.
    Und das Ziel DAHINTER- das greift ein Stück weit nach den Sternen. … Aber auch die bekommt man ja manchmal tatsächlich zu fassen…! :-))
    Schon jetzt sind Widerspruchsstellen und Sozialgerichte stark überlastet. Und das, obwohl nur 5% der „Kund*innen“ sich trauen aktiv zu werden. (Von diesen wiederum gewinnen ja schändlicherweise für die jobcenter ca. 40%.)
    Es gibt Einschätzungen, dass eine Verdoppelung des Prozentsatze auf 10% die befassten Stellen schier „sprengen“ würde.
    Und das: das ist eine Vision!
    Eine kühne, aber keine verrückte. Das könnte dem System tatsächlich ernsthaft weh tun. Zur Aufmerksamkeit, zum Handeln zwingen.
    Und dafür ist es schließlich allerhöchste Zeit!
    Daher werde ich unterstützen, so gut ich irgend kann.
    Noch eine Anmerkung zu Startnext:
    Es gibt eine Fundingschwelle bei 75 000%. Ab diesem Betrag scheint das Projekt insgesamt Erfolg versprechend. Und: nur DANN werden die gesammelten Gelder wirklich ausgezahlt. Bleibt die Spendensumme darunter: bekommen alle Spender*innen ihr Geld zurück.
    Eine gemurkste light – Version wird es also nicht geben.
    Zeit dafür ist nur bis zum 31.03.2016…
    Ich jedenfalls werde mich hinter diese Sache stellen, vollständig.
    Und, btw. – als Christel T. würde ich meinen Einfluss keineswegs unterschätzen! 🙂
    MfG
    Burkhard Tomm-Bub

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  3. Eine Internet-Informations-Plattform? Wieso kam da noch keiner drauf? Und das NUR für 150.000,- Euronen? Natürlich ohne Rechtsverbindlichkeit, usw. Zusatzfrage: ist das bereits Rechtsberatung oder eben NUR unverbindliche Information?
    Wieso werden dafür nicht EFS Gelder abgegriffen? Oder man stellt das SGB zum x-ten Mal online?
    Wir stellen gerne auch unsere Gretchenfragen bereit – deren Antwort bis heute verweigert wird und das sagt mehr wie ein langwieriger Prozess:
    † Haben Sie Frau/Herr _____, bei Herr Bruno Schillinger; Bachstr. 1 79232 March nach Sozialgesetzen (SGB), Bundesverfassungsgericht, Landesverfassung, Grundgesetz, Menschenrechten, UN Behindertenrechtskonvention (Bundesgesetz) gehandelt – Ja oder Nein?
    † Frau/Herr _____, bekennen Sie sich zu Amtseid, Landesverfassung, Grundgesetz, Men-schenrechten und setzen sich dafür ein – Ja oder Nein?
    † Auf welcher Rechtsbasis (nach dem 08/05/1945) verweigern Sie einem Menschen das Recht auf Leben, lassen ihn misshandeln, foltern, hinrichten, verrecken? Wobei bereits die Bilder, Dokumentationen bewei-sen, dass Sie Verbrechen gegen Menschenrechte begehen, bzw. auf der der Basis von Gesetzen vor dem 08/05/1945 handeln, bzw. ihre Mitarbeiter typische Schreibtischtäter sind.
    † Auf welcher Basis begründen Sie die Dienstfähigkeit ihrer Justizkollegen/Mitarbeiter/Parteifreunde trotz der nachgewiesenen Betrügereien, Folter, Verbrechen gegen Menschenrechte?

    PS wir haben grade auch was gestartet – Initiative gegen Rassismus in Politik und Bürokratie – http://wp.me/P4HZVX-sr – dazu gehört auch der Sozialrassismus durch das Hartz IVerbrechen.

    Wir wünschen auf jedem Fall jedem Menschen der etwas gegen diese verbrecherische menschenverachtende Politik/Bürokratie alles Gute und einen guten Kampf!

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  4. …Dass die Angstschwelle ein wenig gesenkt auf der einen und die Sanktionierungswut (wo welche ist) gedämpft wird auf der anderen Seite? Man einander wieder mehr auf Augenhöhe begegnen kann? Wäre das nichts?
    Das Ganze kann nur langfristig angelegt sein, unter welchem Gesichtspunkt es denn auch zu beurteilen wäre. Inge Hannemann & Co haben mit ihrem „DISI“- Projekt jedoch bedenklicherweise schon einmal vorzeitig die Zelte abgerissen, das so schnell wieder eingestampft wurde, wie es scheinbar aus der Taufe gehoben war.
    Aber noch ist nicht aller Tage Abend…

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  5. 15 köpfiges Team, das klingt sehr ambitioniert. Was uns auffällt: Dass der Kampf auf der Einzelfallebene bleibt und offenbar nicht einmal angedacht wird, in politischen Gesprächen mit den JobCenter-LeiterInnen oder gar auf Landesebene systematische Verbesserungen zu erreichen. In Österreich pflegen wir schon auch ein bisschen die persönlichen Kontakte. Die MitarbeiterInnen wollen ja auch eine halbwegs befiredigende Arbeit weshalb wir in unseren Argumentationen schon auch die Interessen der Bürookratie mit berücksichtigen, damit sie unsere Vorschläge nicht so einfach vom Tisch wischen können. In vielen Fällen, wo die untere Ebene bockt, wird nach Intervention bei der höheren Ebene vieles möglich, was im ersten Moment nicht geht. Es ist halt leider immer sehr zeitaufwändig. Aber wenn sich wer dahinter klemmt, kann oft auch etwas erreicht werden.
    In Deutschland wäre es vom Gesetz her ja sogar möglich dass in den regionalen Aufsichtsgremien, die auch von den Gemeinden und Gewerkschaften beschickt werden, eigene VertreterInnen der Arbeitsloseninitiativen drinnen sitzen. Wir haben einmal von einem JobCenter gelesen, wo das sogar gelungen sein soll.
    Wichtig ist die Information der Betroffenen BEVOR etwas passiert. Wenn ich meine Rechte kenne und diese rechtzeitig einfordern kann, aktiv meine Vorschläge bringe und nicht warte, bis mir etwas von Oben herab aufgedrückt wird, dann lassen sich viele Probleme vermeiden. Wenn einmal die Maschine rennt, ist es freilich schwieriger.
    Das große Problem ist aber der elendlich geringe Organisierungsgrad der Erwerbslosen. Da sind die Erwerbslosen schon auch selbst mit verantwortlich, wenn sie sich nicht zusammen tun. Auch die klassischen Gewerkschaften sind nicht von alleine entstanden, sondern weil ein paar Idealisten sich die Beine ausgelaufen haben und von Mensch zu Mensch gegangen sind.
    Raunz nicht, tu was!

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    1. Übrigens, die meisten Erwerbslosen in Deutschland wissen das vermutlich gar nicht, die Aktiven Arbeitlosen sind eine richtige Gewerkschaft nur für Arbeitslose in Österreich.
      Das alleine ist schon mal klasse!
      Checkt die Webseite:
      http://www.aktive-arbeitslose.at/

      Übrigens finde ich eigentlich nicht, daß #sanktionsfrei auf der Ebene des Einzelfalles stehenbleibt. Der Angriffspunkt ist ja die Gleichförmigkeit der vielen Einzelfälle, die es erlauben soll, den juristischen Widerstand zu automatisieren und quasi bei gleichem Aufwand den Effekt zu erhöhen.

      Daß man das so gestaltet, daß es für ganz viele verschiedene Menschen nutzbar wird, ist überhaupt gar nicht einfach. Die Erfahrung habe ich selbst schon gemacht, ich habe ja mit anderen zusammen auch schon mal einen Anti-Sanktions-Kampffonds konzipiert, der auch für andere nutzbar sein sollte, nicht ausschließlich für mich.

      Das war echt sehr haarig und ist auch nur mit großen Einschränkungen gelungen, und bisher hat das auch außer mir niemand genutzt. Insofern ist #sanktionsfrei da schon an einem Punkt der Transmission vom Einzelfall auf die Vielen am Basteln.

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  6. ich bin sehr begeistert von der Idee, hast Du ja wahrscheinlich schon gelesen ;-). Ich verfolge Meingrundeinkommen seit anfang und und bin überzeugt von der Arbeit die dort getan wird, habe gesehen wie sich das Projekt entwickelt. Auch alles was ich von Frau Hannemann bis jetzt gehört habe jhat mich überzeugt. Ich glaube nicht das Sie etwas nicht durchdachtes ausprobieren würde. Ich nehme beide als sehr genau und achtsam wahr. Und auch der Anwalt hat Erfahrungen. Für mich ist auch das Thema Geld bekommen bei Sanktionen jetzt erstmal nicht das wichtige sondern das neben den angestoßenen Debatten wirklich aktiv was gemacht wird und gemacht werden soll. Vielleicht kommt es gar nicht zu vielen Sanktionen wenn hier eben eine Zwischenstelle eintritt die wirklich auf der Seite der Arbeitslosen steht und eben praktisch hilft. Ich sehe da ganz viele Chancen und Möglichkeiten, und auch wichtig das das Thema mehr und andere Öffentlichkeit bekommt. Mir hat das gut gefallen das darauf hingewiesen wird wie entmutigend und essentiell kraftraubend die Situation mit Hartz4 ist. Und hey was sind schon 150.000 € umgerechnet auf ganz Deutschland? Ich hoffe schon stark das da auch ein paar Leute spenden die größere Beiträge leisten können. LG

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    1. Ja, die Steigerung von Klagen wäre super, wenn das alles so funktioniert, wie es geplant ist. Und wenn das dann auch zur Abschaffung von Sanktionen beiträgt, statt zum Beispiel zur Abschaffung von Klagemöglichkeiten und -rechten.
      Und dazu habe ich halt keine eigene Meinung.

      Inge Hannemann, Dirk Feiertag und meingrundeinkommen machen alle ganz solide Sachen, und wenn irgendwer das alles so hinkriegt, dann ist es mit Sicherheit dieses Team.
      Deswegen bin ich auch sehr gespannt.

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  7. Hallo Christel,

    erst einmal: Danke für deine guten Analysen in diesem Blog. Wie kriegst du das nur hin, so als arme, dumme, eingeschüchterte Erwerbsarbeitslose?

    Zum Thema Sanktionsfrei:

    Ich fand das ganze spontan erstmal sehr gut und defintiv einen Versuch wert. Zur Präsentation dachte ich so „aha, mal als zeitgemäße, jung&hip Webkampagne versucht, ganz Medium-Style usw., warum nicht?“ und fand das irgendwie albern, aber nicht anstößig. Nachdem ich das ganze nun ein paar Tage in meinem Herzen trug und ich mich auch etwas eingelesen habe, hat sich meine Reaktion doch etwas ausdifferenziert:

    Zum Formalen:

    Ich verstehe nicht ganz, warum es ein Problem ist, wenn Arbeitslose ‚emotional reagieren‘, die Leute dann aber eine Kampagne machen, deren Präsentation und Bildsprache doch sehr deutlich auf die Erzeugung von Emotionen abzielt. (Gefilterte, unverfängliche, sog. ‚Mood-Bilder‘ von pathetischen Bergen und so. Sind Emotionen jetzt gut oder schlecht (relevant, nicht relevant), Entscheidung bitte!

    Inhaltlich stören mich die folgenden zwei Punkte:

    1. Slogan

    Man braucht vielleicht knackige Slogans aber das Eindampfen der Problematik auf GG Art.1 §1 finde ich zu verknappend. Bei der Hartz-Umsetzung werden so viele Rechte verletzt und Verbrechen begangen, dass ich das gar nicht zählen kann. Zur Illustration: Meine Geschichte mit dem JC war z.B. wie folgt: ich musste wegen Umzug (wollte näher an meiner Arbeit und in einer Stadt überhaupt sein) einen neuen Erstantrag stellen, der Antrag wurde erst nach über 5 Monaten bewilligt, da vorheriges JC keinen Aufhebungsbescheid schickte (habe ich selbst dann dreimal angefordert), Darlehen wurden mir verweigert mit dem Argument, dass ich ja geringfügig verdiene. (Anwalt meinte übrigens da könne man erst nach 6 Monaten was machen, ah, okay.) Aber zu „Beratung“ und EVG-Unterzeichnung wurde ich natürlich „geladen“! Während dieser Zeit des verhungert-Werdens hatte ich durchaus gar kein so großes Problem mit meiner Würde, was mich die ganze Zeit viel eher gestört hat, waren die gestörte Entfaltung meiner Persönlichkeit bei den „Gesprächen“, Verlust von Vertragsfreiheit, freier Berufswahl, das bedroht werden mittels beknackter Briefe, fehlende Gewaltenteilung usw.

    Worauf ich hinaus will: Die anderen Grundrechte, die nicht an erster Stelle im Heftchen stehen, sind vielleicht auch wichtig und schützenswert und das könnte man ja kommunizieren.

    2. Zielgruppe

    Als Zielgruppe der Kampagne werden m.E. am ehesten die Guten Erwerbstätigen Bürger angesprochen, die über Sanktionen einfach nicht gut informiert sind und das dann schon schlecht finden werden. (Mit dem ganzen „Wusstest Du…“, usw.) Das finde ich grundsätzlich okay, denn ja, diese Leute mit extrem heterogenen Bekanntenkreis gibt es (ob Menschen, die möglichst nie in ihrem Leben mit einem ALGII-Empfänger auch nur sprechen möchten, dann spenden, ist eine andere Frage.) Aber das Erwerbslose bis auf die zwei Zeugen-Statements unten am Rand nicht einbezogen werden, stört mich dann schon. In das Konzept-Team wurden auch keine vom System direkt Betroffenen eingeladen, oder?

    So eine Kampagne sollte, finde ich, einfach wirklich gar nicht, auch nur andeutungsweise, bei der gesellschaftlichen Spaltung in brave Bürger und schmuddelige Erwerbslose mitziehen und sich stattdessen sogar gezielt dagegen stellen. Wenn ich über so eine Kampagne nachdenken müsste, würde ich da wohl weniger auf ein „Achsooo, ja das ist ja irgendwie schon nicht gut so“ abzielen und mehr auf ein „wir als lohnabhängige Mitglieder der Gesellschaft wollen diesen Bullshit alle zusammen nicht mehr!“. Oder so.

    Letztendlich werde ich das Ganze schon unterstützen, weil ich den Plan mit dem Solidarfond insbesonders sehr gut finde. Ich halte die materiellen Hürden, die Menschen hindern den Rechtsweg einzuschlagen für viel bedeutender als Informations- und Beratungsmangel. Ich habe gar nicht verstanden, warum niemand der einen dummen Pressekonferenz-Frau mal sagen konnte, das Prozesskostenhilfe mir wenig hilft, wenn ich kein Geld für scheiß Porto übrig habe und mein Drucker kaputt ist und ich mir auch die Fahrten zu Antragstellungsorten nicht leisten kann (oder ich gar schon keinen Briefkasten mehr habe, da wohnungslos). Wenn Leute mit viel Geld wirklich nicht mal mehr realisieren, dass all dieser Kram Geld kostet und Wohnung etc. voraussetzt, muss wirklich dringend ein ALG-II-Empfänger mit in so eine Pressekonferenz

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    1. Wow, vielen Dank!
      Wordpress hat anscheinend das Ende Deines Kommentars aufgegessen, dafür entschuldige ich mich!

      Ich finde es auch ziemlich schrecklich, daß die Argumente gegen Sanktionen so stark auf die Würde und das Existenzminimum eingeschränkt werden, das ist nicht nur bei sanktionsfrei so, ist ein allgemeines Problem.

      Würde man andere Grundrechte mehr in den Vordergrund rücken, etwa die Berufs- und Vertragsfreiheit, dann könnte man anhand dessen viel eher verdeutlichen, wie sich die Sanktionen in Wirklichkeit gegen die Beschäftigten richten, um Löhne, Arbeitnehmerrechte und die Macht der Gewerkschaften (bzw. was davon übrig ist) zu bekämpfen.

      Würde man etwa auf das Persönlichkeitsrecht und die Meinungsfreiheit fokussieren, würde deutlich, in welch erschreckendem Ausmaß die Agenda 2010 die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens, die Bildung einer Gesellschaft (statt einer Ansammlung von unverbundenen Individuen) und die Demokratie aushöhlt, und darüber die Allgemeinheit angreift und nicht ausschließlich uns Erwerbslose.

      Allerdings hat es einen Grund, daß Menschenwürde und Existenzminimum so im Fokus stehen.

      Diese Orientierung kommt nämlich aus dem juristischen Kampf.

      Das Bundesverfassungsgericht hat ja zur Höhe des Regelsatzes 2010 ein Urteil gemacht, und hat damit zum ersten Mal das Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum hergeleitet, welches zu jeder Zeit und in jedem Einzelfall gewährt sein muß. Das hat das Gericht mit diesem Urteil aus Art.1 (Menschenwürde) in Verbindung mit Art.20 (Sozialstaatsgebot) neu entwickelt.

      2012 hat das BVerfG mit einem Urteil zum Asylbewerberleistungsgesetz klargestellt, daß dieses Recht auf menschenwürdige Existenzminimum für alle gilt, also auch für Menschen im Asylverfahren.

      Aus den Urteilstexten läßt sich nichts anderes über Sanktionen ableiten, als daß sie verfassungswidrig sind.

      Zu den anderen Grundrechten, die durch Sanktionen verletzt werden, liegt keine vergleichbare Rechtsprechung vor.

      Daraus schließen eben sehr viele AkteurInnen, daß es aufgrund dieser Situation jetzt das schlaueste ist, sowohl den juristischen Kampf als auch die öffentlichen Diskussion auf dieses Argument zu verengen.

      Das ist der Hintergrund.
      Ich selbst halte das ja für einen ganz verhängnisvollen Fehlschluß.

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    2. Ich finde man sollte Leute, die keine vom Jobcenter Betroffenen kennen, nicht gleichsetzen mit Leuten, die „mit denen auch nix zu tun haben wollen“. Ich persönlich kenne zum Beispiel niemanden, der jemals mit dem Jobcenter zu tun hatte (zumindest nicht gut genug, dass ich davon wüsste oder dass er davon erzählt hätte), und wusste wirklich auch bis vor kurzem nicht, was da abgeht.

      Aber das war keine böse Absicht, sondern hat sich einfach daraus ergeben, dass ich in einer Kleinstadt aufs Gymnasium gegangen bin und danach ein naturwissenschaftliches Fach studiert habe. Da geht das ganz automatisch. Ich kenne nur ein paar Leute, die ein paar Monate mal überbrücken mussten (wussten also schon, was sie danach machen wollten) und mir dann sinngemäß gesagt haben, nee, das ist voll nervig, da muss man sich ständig auf Unsinn bewerben, da lass ich mich lieber von meinen Eltern durchfüttern.

      Auf diesem Blog und bei Sanktionsfrei bin ich nur gelandet, weil ich mich dann doch immer wieder gefragt habe, wie das sein kann, dass es immer mehr Obdachlose werden (also gefühlt, jetzt am Bahnhof und so), obwohl es doch ein Existenzminimum gibt (dachte ich). Darüber bin ich dann zum bedingungslosen Grundeinkommen gekommen (weil ich zuerst eben dachte, dass die Leute, die Hilfe brauchen es evtl nicht mehr schaffen, sich welche zu holen, wofür das Grundeinkommen ja eine elegante Lösung ist, aber ich bin auch unabhängig davon von der Idee überzeugt), und weiter zu diversen Hartz-IV-Diskussionen bis hierhin.

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    1. Thema Emotionalitaet:
      Jeder mir diesbezueglich vorgekommene Deutsche (ob aus dem „wirklichen“ Leben, ob im Internetkommentar) , kaempft eher minder erfolgreich die sofort aufwallenden Gefuehle nieder,sobald das Thema Hartz 4 , wenngleich so vorsichtig als moeglich, angeschnitten wird! JEDER!
      Das SGBll-Diktat sollte ja einerseits, ausser derjenigen der Angst, beim Hilfsbeduerftigen jegliche tieferen Empfindungen austrocknen, hingegen beim Gutverdiener Ressintements und Wut diesem gegenueber schueren; was einerseits schon hineingelegt worden ist, nahm dann noch nochmals eine eigene Dynamik an.
      Es ist also ein Produkt der Agenda selbst, wenn man blinde Emotionsgeladenheit ausdruecklich beim Hartz-Bezieher sucht (warum sonst sollte man das so betonen und die Rationalitaet auf die andere Seite verorten?) Nahezu jeder wird in seinem Leben einmal arbeitslos.
      Es ist mitunter genau dieses Misstrauen, welches die Arbeitslosen fuer billige Hilfsarbeiten vorsieht in der oeffentlichen Wahrnehmung, sie geistlose Massnahmen Mal um Mal wiederholen laesst. Ihre tierische Faulheit muss ihnen doch ausgetrieben, ihre Gelueste auf ein vernuenftiges Mass zurechtgestutzt werden! Wo sitzt die Vernunft?
      Etwas Bewusstseinsschaffung tut weit vor der Peaesentation der nackten Fakten not, sonst werden wir weiterhin ziemlich auf der Stelle treten. Sie, Christel T., haben das aber im Prinzip erkannt!

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        1. Natuerlich Angehoerige aller Nationalitaeten, doch in Deutschland zunaechst (noch) Deutsche (mit ihrer besonderen geschichtlichen Vorpraegung weit ueber Hitler hinaus).
          Sauer wird jeder angesichts der gefuehlsbeladenen Thematik, das versteht sich – aber mindestens genauso schwer geniessbar sind die allerlei unterschwelligen Botschaften, auf die es mir ankommt!

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          1. Ich finde es auch immer schade, wenn alles, was wir als Erwerbslose so äußern, in den emotionalen Bereich verschoben oder durch Emotionen weg-erklärt wird – so als hätten wir nicht auch ein Gehirn, würden es benutzen und uns auch mal zur Sache äußern zwischen unseren Gefühlsausbrüchen.

            Das wirkt so wahnsinnig verständnisvoll, macht uns aber sehr effektiv mundtot.

            Über das „Unverständnis“, mit dem wir ja immer dem ganzen Apparat begegnen und unsere Bescheide gar nicht verstehen können und so schreibe ich gerade einen Text, den ich morgen oder übermorgen hier veröffentlichen will.

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  8. Auf der Kontaktseite ist ein Kommentar gelandet, den ich für diese Diskussion sehr interessant finde, drum hier eine Kopie:

    Halina
    9. März 2016 um 09:17 Bearbeiten

    ….auch mir erscheint das Prinzip recht seltsam: da das Sozialsystem sukkessive abgeschafft wird, wäre es nicht schlecht, mal zu schauen, was vor seiner Installation so alles gemacht wurde. Viele Gewerkschaften z.B. hatten Mitgliedsbeiträge und finanzierten damit Krankenstand und Arbeitslosigkeit. Inwiefern das eine echte Unterstützung war und wie sich das rechnet, hat sich mir nicht so ganz erschlossen, aber fest steht: wer mit ihrem/seinem eigenem Beitrag für etwas steht, hat mehr Macht und Kontrolle, auch politisch gesehen, als s ein wohlfahrtsorientiertes Crowdfunding, das dem Bedarf nicht nachkommen kann und deshalb zwangsläufig Ausschlusskriterien formlieren wird, die demokratisch nur wenig legitimiert sein werden und Angriffsflächen für jede Menge Scheindebatten liefern. Deshalb plädiere ich eher für genossenschaftliche oder ähnliche Zusammenschlüsse, obwohl ich weiß, daß hier der Gesetzgeber so daran gedreht hat, daß so etwas kompliziert zu organisieren wäre. Sicher ist nur eins: es müssen selbstverwaltete Strukturen aufgebaut werden, auch als politisches Druckmittel.

    Der Originalkommentar ist hier:
    https://jobcenteraktivistin.wordpress.com/about/#comment-517

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