Gewalt und Gewaltlosigkeit im Jobcenter: Eskalation

Ralph Boes ist heute im 66. Hungertag.
Zeit, über Eskalation zu reden.

Zeit, zu fragen, wer wo steht.
Welche Eskalationsstufe hat der Konflikt erreicht?

Zwischen Jobcentern und Erwerbslosen gibt es ja normalerweise gar keine einheitliche Eskalationsstufe, somit auch keinen einheitlichen Konflikt.

(Was sind Eskalationsstufen?)

Vielmehr agieren die asymmetrischen Parteien vom ersten Tag an dauerhaft auf verschiedenen Eskalationsstufen, auch wenn das von außen ziemlich bizarr erscheint. Wenn man es erlebt, ist es noch viel bizarrer.

Die irreführend als Einladung überschriebenen Meldeaufforderungen sind ein gutes Beispiel: In einem Halbsatz wird der Zweck des Gesprächs angegeben, es folgen anderthalb Seiten Drohungen, die als Rechtsfolgenbelehrung verbrämt werden.

Wer dann beim Gespräch thematisiert, bedroht worden zu sein, wird damit sozial auffällig.

Wer diese Ordnung als ErwerbsloseR stört oder durchbricht, ist Boes. Pardon.

Wenn man zum ersten Mal ein Jobcenter betritt, um sich ein Antragsformular geben und die weiteren Schritte erklären zu lassen, tritt man damit einen sog. Neukundenprozeß los, in dessen Verlauf man unter Umständen schon mehrfach existenziell (d.h. mit Verweigerung der Sozialleistung) bedroht, herabgewürdigt, über den Tisch gezogen und subtil beleidigt wird, bevor man überhaupt das besagte Antragsformular erhält.

(Besser, man druckt sich eins aus dem Internet aus 😉

Der Sinn dieses Neukundenprozesses ist es nach Auffassung von Erwerbslosen, die sich intensiv mit ihm beschäftigt haben, Antragstellende in letzter Sekunde noch von der Antragstellung abzuschrecken.

Wie gravierend er im Einzelfall verläuft, ist kaum vorhersehbar, und hängt nicht zuletzt von der Einstellung und Tagesform der beteiligten SachbearbeiterInnen ab.

Auch unabhängig vom Neukundenprozeß ist es so, daß mehr oder weniger jede Interaktion zwischen den Parteien, die vom Jobcenter eingeleitet wird, schon mit existenziellen Drohungen beginnt.
Bei der Arbeitsvermittlung sind das die vom Gesetzgeber schon vorbestimmten Sanktionsdrohungen, und bei der Leistungsabteilung wird gedroht, die Leistung einzustellen, wenn es an einer als erforderlich dargestellten Mitwirkung fehlt.

Diese Drohungen werden ausgesprochen, ganz ohne daß die bedrohte Person dazu irgendeinen Anlass gegeben hätte, außer, überhaupt Leistungen zu beantragen.
Man kann sich leicht ausmalen, wie es aussehen würde, wenn Erwerbslose standardmäßig auf derselben Eskalationsstufe antworten würden.

Schon in diesem Moment werden die Weichen gestellt: In aller Regel werden die Antragstellenden sich nicht auf dieselbe Stufe stellen wie das Jobcenter.

Die einzige Eskalationsstufe, die dem Jobcenter (zumindest im Rahmen gesetzlicher Vorgaben) noch bleibt, ist dann die tatsächliche Leistungsverweigerung, die im Fall von Sanktionen im engeren Sinn auch noch mit einem offen vernichtenden Werturteil über die Person der Leistungsbeziehenden verbunden ist.

Von Erwerbslosen wird nicht nur mit Selbstverständlichkeit erwartet, daß wir nicht so antworten, wie man in den Wald hineinruft, nein, obendrein sollen wir gar keinen Konflikt zur Kenntnis nehmen.

Wir sollen nicht so handeln, oder den Eindruck machen, als würden wir bedroht, und sollen nicht davon sprechen. Wir sollen so tun, als würden wir das, wozu wir unter Drohungen genötigt werden, mit Begeisterung von selbst tun. Anderenfalls kritisiert man unsere mangelnde Motivation, bzw. bedroht oder bestraft uns wegen diesem Mangel.

Wir sollen, zu unseren eigenen Lasten, auf einem viel geringeren Eskalationsniveau agieren als unser Gegenüber.

Diese Rolle zu brechen, dem Gegenüber im Jobcenter klar zu spiegeln „Sie bedrohen mich, Sie nötigen oder zwingen mich, zu tun, was ich nicht will“ kann als querulatorisch gebrandmarkt, mit Repression beantwortet und von den Beschäftigten im Jobcenter subjektiv (und ungerechtfertigt!) als Bedrohung erlebt und dämonisiert werden.

Wenn Erwerbslose eine Bedrohung der Existenz mit einer Bedrohung der Existenz beantworten wollten, würden sie vor der Situation stehen, daß sie – im Gegensatz zur gegnerischen Partei – diese Drohung nicht scheinzivilisiert, mit Hilfe von Papieren und Gesetzen, anbringen und schon gar nicht wahrmachen könnten. Zu Recht schrecken Erwerbslose lieber zurück, und nehmen den Konflikt gar nicht an, oder beziehen die Position einer niedrigeren Eskalationsstufe, und streiten sich mit dem Jobcenter um Detailfragen, ohne mit der offenen existenziellen Bedrohung offen umzugehen.

Würde man den Konflikt von Erwerbslosenseite so führen, wie er an uns herangetragen wird, würden wir ja schon bei der ersten Interaktion das Feld möglicher Politik in Richtung offener Gewalt verlassen.

Die einzige mir bekannte Möglichkeit, den Konflikt, der vom Jobcenter standardmäßig und konsequent an alle Leistungsbeziehenden herangetragen wird, auf derselben Eskalationsstufe anzunehmen und zu führen, ohne unmittelbar zu physischer Gewalt überzugehen, liegt im Vorgehen von Ralph Boes.

Sein Eröffnungszug war der Brandbrief, mit dem er schon 2011 seine grundsätzliche Position bezog, die er seitdem gehalten hat.

Er hat sich nie darauf eingelassen, die Begründung einzelner Sanktionen zu diskutieren, sondern stets grundsätzlich die Verfassungswidrigkeit von Sanktionen an sich thematisiert, ein Ansatz, bei dem es nie um die einzelne Sanktion gehen kann, sondern immer alle Sanktionen gemeint und auch tatsächlich mit angegriffen sind.

Schon auf die Drohung mit Sanktionen hat er so reagiert, daß er sich offen und mit Nachdruck widersetzt hat, in einer Weise, die sich nicht gegen die einzelne, konkrete Drohung, sondern gegen Sanktionsdrohungen an sich richtete.

Er nimmt die Konfrontation an, er nimmt den Konflikt und die Eskalation an, das einzige, was er nicht annimmt, ist die Gewalt selbst.

Aus dieser Logik heraus ist der Konflikt jetzt auf beiden Seiten und nicht nur einseitig auf der Eskalationsstufe angekommen, die das Jobcenter für Ralph Boes persönlich vorgegeben hat: Hundert Prozent, seit Jahren.
Die Eskalationsmöglichkeiten von Jobcenter und Arbeitsmarktpolitik sind erschöpft, das sieht man an deren Verlautbarungen.

So hat der zuständige Pressesprecher für das Jobcenter auf die Fragen der Presse keine Antwort, und mit den unzureichenden Reaktionen des Bundesarbeitsministeriums rechnet Timothy Speed hier ab.

Auch Ralphs Eskalationsmöglichkeiten sind erschöpft.

Doch durch sein öffentliches Vorgehen gibt Ralph Boes auch anderen die Möglichkeit, auf derselben Eskalationsstufe wie er in den Konflikt mit dem Jobcenter einzusteigen, wenn sie sich auf ihn beziehen.

Und hier liegt ein schier unbegrenztes Potential für weitere gewaltfreie Eskalation. Nutzen wir es, denn:

Sanktionen müssen weg!
Was kann ich tun?

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3 Gedanken zu “Gewalt und Gewaltlosigkeit im Jobcenter: Eskalation

  1. Die Eskalation kann genausogut von der Gegenseite kommen: „Liebe Aldi2-Empfänger, selbstredend erhöhen wir Euren RS großzügig auf 404 € je Monat. Aber ihr wißt schon, die vielen Asylsuchenden, die es notwendig machen, daß wir viele Polizisten und sonstige Beamte einstellen und Wohnraum anmieten. Das kostet uns viel Geld. Also eigentlich Geld des Steuerzahlers. Wegen der Schwarzen Null im Bundeshaushalt werden wir die Mehrwertsteuer anheben müssen. Nur um ein oder zwei Pünktchen. Die ist bekanntlich besonders gerecht, denn sie trifft jeden Verbraucher gleichermaßen. Den reichen Verbraucher genauso wie den armen. Das ist alternativlos. “

    Und dann wird diese Gegenseite nur noch drauf warten müssen, ob die Habenichtse sich gegenseitig um die Brosamen (an den sog. Tafeln) kloppen…Ganz einfach

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