Wie gefährlich ist der Gesundheitszustand von Ralph Boes wirklich?

Als UnterstützerInnen von Ralph, der heute im 54. Hungertag steht, fragen wir uns täglich, warum die Presse nicht berichtet.
Leider ist Ralph als Person, und ist das Thema HartzIV bei ernsthafter Betrachtung, etwas sperrig, so daß wir uns viele Gründe vorstellen können.

JournalistInnen sagen uns: „Wir schauen es uns an, wir kommen vorbei“, und man hört dann nichts mehr, der Freitag führte sogar ein Interview mit Ralph, welches dann nicht erschien.

Ein möglicher Grund: Vielleicht wird Ralphs Gesundheitszustand nicht ernst genommen, man glaubt, das Thema auf morgen verschieben zu können, und fragt sich nicht, was man morgen sagen möchte, falls Ralph morgen vielleicht doch nicht mehr lebt. (Fragt Euch das mal! Fragen Sie sich das mal!)

Von Mittwoch bis Sonntag ist Ralph für drei Stunden am Brandenburger Tor, sitzt an einem Tisch und spricht mit allen, die dort mit ihm sprechen möchten. Letztens hat er sich dabei erwischen und sogar filmen lassen, wie er anschließend den Tisch wegtrug.

Wer Ralph nicht so gut kennt wie wir, und nicht sieht, wie er sich verändert, kann sehr leicht den Eindruck bekommen, daß er noch superfit ist, heimlich ißt, und noch lange durchhalten wird, während ich selbst z.B. schon krank vor Sorge bin.

Dazu kommt auch noch, daß Ralph sich nicht gerne etwas anmerken lassen möchte. Ich halte das nicht für ein Macker-Ding, denn das paßt nicht zu dem Ralph Boes, den ich kenne. Ich halte es für Bescheidenheit, ich denke, Ralph möchte niemandem zur Last fallen, und das paßt nicht zu dem Ralph, den die Öffentlichkeit kennt. Allein schon deswegen, weil Ralph die Öffentlichkeit in Kauf nimmt.
Sich als Erwerbsloser angaffen zu lassen gilt als besonders selbstbewußt, der Vorwurf der Selbstdarstellung kommt mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerkes. Dieses unterstellte Selbstbewußtsein und die Selbstdarstellung, aber auch das Bestreben, keinem zur Last zu fallen, passen schlecht zu den allgemeinen Vorurteilen gegen und Rollenmodellen für Erwerbslose. Obendrein nimmt Ralph die Sozialleistungen ganz offen extra in Anspruch, um sich der Arbeit für das bedingungslose Grundeinkommen zu widmen, und wer nicht eins und eins zusammenzählt, mag das für das Gegenteil von Selbstlosigkeit halten.

Die Öffentlichkeit im Dienst einer Sache bewußt in Kauf zu nehmen, erfordert jedoch besondere Selbstlosigkeit und persönliche Bescheidenheit, so daß es in Wirklichkeit sehr stimmig ist, wenn Ralph nicht mit seinen gesundheitlichen Problemen hausieren gehen mag.

Deswegen tu ich es:

Ralph hat eine hohe Motivation, bis zu seinem letzten Atemzug fit und aktiv zu bleiben, denn (zu) vieles ruht allein auf seinen Schultern bei der Aktion und ihrer Vermittlung. So schrieb er noch am 49. Hungertag einen Text über die Lebensmittelgutscheine, mit denen sein Jobcenter ihn quält und seinen Widerstand zu brechen und zu delegitimieren sucht.

Um dies zu können, nimmt er täglich etwas Brühe zu sich, manchmal Gemüsesaft, und manchmal etwas Zitrone, wie er in einem Interview transparent machte.
Ralph Boes hat, das sage ich als jemand, der ihn gut kennt, auch aus zwei vorigen Hungeraktionen, eine Konstitution wie ein Pferd, und eine unglaubliche mentale Stärke. Er wird bis zum letzten Atemzug weiter sein Ding machen und dann einfach unvermittelt tot umfallen. Und zwar ganz bald.
Das ist keine medizinische Prognose, sondern eine menschliche.

Ralph hat auch keine Angst vor dem Tod, die ihn jetzt belasten würde.
Seiner Vorstellung nach wird er einfach „ins Licht gehen“.

Wenn ich selbst mir da auch nicht so sicher bin: Maßgeblich für Ralphs Entscheidungen, die er ja für sich selbst trifft und nicht für andere, ist seine eigene Vorstellung und nicht meine.

Weiterführend:
Wikipedia über den Hungerstoffwechsel
Timothy Speed interviewt Ralph, auch zu diesem Thema Empfehlung
In diesem Interview erzählt Ralph genau, was er zu sich nimmt

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10 Gedanken zu “Wie gefährlich ist der Gesundheitszustand von Ralph Boes wirklich?

  1. In unserer Gesellschaft zählt für Medien die Sensation. Dass jemand bei „Ungehorsam“ hungert, war im Jahr 2005 in von „Menschen“ gemachtes Gesetz gegossen und die breiten Medien beeilten sich seit 2003 Arbeitslose vorbereitend zu diskreditieren. Im gleichen Zeitraum wurde die Globalisierung der Wirtschaft eingeleitet und die nicht in jedem Falle Existenz sichernde Leiharbeit befördert …
    Der Umbau des Sozialstaates zu einem erpressenden Unrechtsstaat wurde medial breit gefeiert!
    Wir brauchen uns nicht wundern, wenn Medien über ihre gefeierten gesellschaftlichen Verwerfungen nur zögerlich berichten. Auch die Medienlandschaft wurde in den letzten Jahren umgebaut. Einer schreibt vom Anderen ab und dass spart noch mal Journalisten und senkt die Lohnkosten je Auflage. Die Verbliebenen müssen heute oft genug selbst in Jobcentern ihren Lohn aufstocken lassen …
    Über Ralph Boes und seinem Hunger nach Würde hatte lediglich eine Zeitung berichtet, die in ihrer Tradition systemkritisch schreibt, die „Junge Welt“.
    Die anderen warten gierig auf ein Finale und ihrer Leserschaft folgend, kann ich mir heute schon die Schlagzeilen vorstellen ….
    Der Mensch wird entmenschlicht bis zum bitteren Ende „Vermarktet“!
    Einer an der Drehbank, der Andere im Jobcenter als Sanktionierer und der Ralph und die Tausenden anderen, die still jeden Monat zu Hause „um Würde hungern“?!
    Ein Land in dem Flüchtlingsheime brennen, Steine, Flaschen und anderes Zeug gegen Polizisten fliegt, weil sie Flüchtlinge vor einem Mob beschützen wollen, hat für Menschenwürde einfach keine Zeit.
    In der Hast um den eigenen Lebensunterhalt und bei der Jagd um die Position in der Nahrungskette, ist jeder sich selbst der Nächste, bis der dann selbst zum Hunger in Mitten der Fülle verdonnert wird …
    Es gibt in Berlin allein über 250.000 Bedarfsgemeinschaften, also eine Vielzahl noch mehr unmittelbar Betroffene. E gibt nicht gezählte Niedriglöhner, die mit dem Hartz IV Szenario in Schach gehalten werden.
    Und es gibt nur eine Handvoll Menschen, die dem Ralph bei dem öffentlich machen der staatlich verordneten Unwürde beistehen.
    Ich frage mich, was noch geschehen muss, bis diese Gesellschaft wieder Zeit für Mitmenschlichkeit findet!

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  2. Liebe Christel,

    ich persönlich bin absolut davon überzeugt, daß die deutsche Medienlandschaft zu fast 100 % kontrolliert ist.

    Natürlich wollen die für die Ermordung von Ralph Boes Verantwortlichen keine Berichterstattung. Wäre die Zahl der bisherigen Sanktionstoten bekannt, gäbe es vermutlich keine Sanktionen mehr.

    So können alle sagen: „Wir haben nichts gewußt“.

    Liebe Grüße

    Brigitte

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    1. Also diejenigen JournalistInnen, mit denen ich bisher zu tun hatte, halte ich nicht für „kontrolliert“.
      Sonst hätten wir zum Beispiel auch keine kritische Berichterstattung zum Thema „Landesverrat“ haben können.
      Die fehlende Berichterstattung über Ralphs Sanktionshungern kann ich mir aber auch nicht vollständig erklären.

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    2. Die Journalisten können nicht grundsätzlich bestimmen, was sie wann in welcher Intensität schreiben, beschreiben oder kommentieren. Dazu gibt es die Redaktion, die wiederum abhängig von ihren Vorständen bzw. Besitzern ist.
      Den Tenor geben diese Besitzer und Besitzstandswahrer vor!
      Warum hatte zum Beispiel in der „causa Boes“ die „Junge Welt“ berichtet? Dort finden wir eine besondere Art des „Besitzes“ vor, eine genossenschaftliche Struktur!
      In der BILD Zeitung kann nicht ein Journalist seinen Tenor in eine „Sachlage“ bündeln und veröffentlichen. Er muss immer den Wurschtblattkonsens beachten, sonst wird er „sanktioniert“.
      Wem gehören die Medien?

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      1. Da die taz auch ne Genossenschaft ist, ändert ihr heutiger Bericht nichts an dem Gesagten:
        http://taz.de/Hartz-IV-Gegner-Ralph-Boes-in-Berlin/!5222487/
        Ein möglicher Weg in die Mainstream-Presse ist, wenn diese kleinen Medien so intensiv berichten, daß andere Medien blöd dastehen, wenn sie das Thema nicht aufgreifen.
        Bisher sind wir im konkreten Fall davon weit entfernt, und haben vermutlich nur noch ein paar Tage.
        Daher müssen wir denselben Effekt eben erzielen über Blogs, soziale Netzwerke, Abgeordnetenwatch, Youtube, Briefe und Anrufe, Flugblätter etc. und natürlich Petitionen
        https://www.change.org/p/arbeitsministerin-andrea-nahles-ministerium-f%C3%BCr-arbeit-alle-agenturen-f%C3%BCr-arbeit-beenden-sie-sofort-die-sanktionierung-von-herrn-boes-und-aller-anderen-harzt-iv-empf%C3%A4nger-es-geht-um-leben-oder-tod?recruiter=31923515&utm_source=share_petition&utm_medium=facebook&utm_campaign=share_facebook_responsive&utm_term=des-lg-share_petition-no_msg
        Das schaffen wir auch, wenn wir so weitermachen wie bisher und nicht nachlassen.

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  3. Es gibt eigentlich nur eines. Diese Sorte Mensch, wie sie heutiger Tage zum Durchschnitt zählt, muss sterben, entweder den gewöhnlichen, allumfassenden Tod eher früher als später, oder aber den im Bewusstsein.
    Manchmal beschleicht mich so ein Verdacht, als ob viele dies instinktiv erfassten. Sie projizieren ihre eigene Todesangst, Angst endlich zu sterben (das heisst loslassen und den Neubeginn wagen), auf den immer mehr abgehalfterten Ralf. Dies stellt nun ausgerechnet für jemanden, der von Kindesbeinen an auf das reine Wachstum der Materie wie ein Zirkuspferd dressiert worden ist, die absolute Höhe dar!

    Noch einmal, auf http://grundrechte-brandbrief.de/Meldungen/2015-08-18-Lebensmittelgutscheine.htm wird der Beweis des Hartz-Unrechts anhand von einem eingesetzten Lebensmittelgutschein logisch konsistent und einwandfrei geführt! Es schreit einen eigentlich regelrecht an. Aber der Verstand ist ausgeschaltet, weil das verdunkelte Weltbild aufrechterhalten werden muß; man könnte sich sonst manche Beule holen.

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  4. „Als UnterstützerInnen von Ralph, der heute im 54. Hungertag steht, fragen wir uns täglich, warum die Presse nicht berichtet.“

    Mittlerweile sind noch mehr Tage vergangen in diesem Wettlauf zwischen dem Tod von Ralph und der Aufnahme der Vorlagebeschlüsse des SG Gotha in die Terminsübersicht des BVerfG (von der Aufnahme in die Verhandlungsliste ganz abgesehen).

    Die Antwort auf das Schweigen der belämmerten Presse lautet, daß alle Mikrofone und Kameras auf PGen S. Gabriel in einem Flüchtlingscamp gerichtet sind, während er, um Fassung ringend, verkündet: „Es gibt keine Chance für die, hier am Leben zu bleiben“.(siehe http://www.spiegel.de/politik/ausland/sigmar-gabriel-besucht-fluechtlinge-in-jordanien-traenen-im-fluechtlingscamp-a-1054208.html).

    Es mag niederträchtig sein, zu vergleichen zwischen denen, die vor den völkerrechtswidrigen Waffen eines brutalen Diktators fliehend, um ihr Leben kämpfen und jemandem, der dem ‚Fordern und Fördern‘ eines JCs ausgesetzt -dessen obere Führung sich keiner Unterlassung bewußt sein will-, sein Leben in die Waagschale wirft. Das eine sind die Folgen des Treibens eines mutmaßlichen Kriegsverbrechers, das andere die des Vollzugs in einem mutmaßlichen Rechtsstaat.

    Noch Fragen, wohin Mikrophone und Kameras zielen?

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    1. Das war zu spüren. Ich finde es ein plattes Denken von der Presse, aber unzweifelhaft hat man uns die ganze Zeit als Konkurrenz um Aufmerksamkeit betrachtet, die man den Geflüchteten hätte wegnehmen müssen, hätte man sie uns gegeben. Dabei geht es beim thema Sanktionen um dasselbe Grundrecht, welches auch den Geflüchteten vorm LaGeSo und anderswo vorenthalten wurde, indem man sich weigerte, sie zu versorgen (auch wenn die Weigerung eine Weile zurückliegt, als es nämlich bekannt war, daß dieses Jahr sehr viele Menschen hierher flüchten würden, aber nichts unternommen wurde).
      Wäre über dieses Grundrecht im Zusammenhang mit Erwerbslosen UND Geflüchteten gesprochen worden, hätte das auch dazu beitragen können, einem Ausspielen beider Gruppen entgegenzuwirken.
      Der Aspekt der Arbeitsmarktpolitik, die schon ganz scharf darauf ist, Geflüchtete im prekären Niedriglohnbereich zu verwursten, ist eine weitere mögliche Gemeinsamkeit und nichts Trennendes.
      Nicht, daß ich realistisch was Besseres erwartet hätte, aber es hätte durchaus die Möglichkeit gegeben, über beides im Zusammenhang zu berichten, und es wäre nicht uninteressant.
      Hätte auch bessere Kommentare zu Weise als zukünftigem BAMF-Chef ergeben, das war ja schockierend mager.
      Hier wenigstens annotazioni.de dazu:
      „Flüchtlinge am Arbeitsmarkt: Kostenfaktor, Konkurrenten, Heilsbringer?“
      http://www.annotazioni.de/post/1668
      Nachrichtenüberblick zum Thema (kein) Mindestlohn für Geflüchtete:
      http://www.annotazioni.de/post/1669
      Und ich selbst war ganz schön sauer
      https://sonstigesblog.wordpress.com/2015/09/23/warum-ich-den-mann-parasiten-clement-nenne/

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    2. Fast ironieefrei könnte man auf die Antwort von

      jobcenteraktivistin vom 2.10.2015 02h17

      anmerken: Der Kapitalismus erzeugt Mangel, um ihn mit Kapital bewirtschaften zu können, denn: Wo kein Mangel, da kein Profit (=noch mehr Kapital … in den ‚richtigen‘ Taschen).

      Daher ermangelt es eben der Mikrophone und Kameras, die sich auf die ‚falschen‘ Themen richten. Themen, deren Erörterung dieses (für die richtigen Taschenträger) schöne Geschäftsmodell stören.

      Im Zusammenhang mit dem Komplex Flüchtlinge & Prekariat könnte man sich seitens des Kapitals besorgt fragen:

      Was passiert, wenn aus dem „&“ ein „+“ wird, die sich also zusammentun? Und dann fallen einem die Antworten dieses ifo-Käpt’n Ahab zu Bildungs- und Lohnniveau ein und was dieser eine Aufsichtsrat der Deutschen-Bank-Tochter „Deutsches Wohnen“ über die Prekarier so allgemein dahergesagt hat.

      Es wird somit dafür gesorgt, daß aus dem & kein + wird. „Divide & impera“ als kapitalismuskonforme Rechnung hat ja schon innerhalb des Prekariats funktioniert (s. hier im Blog von jobcenteraktivistin), also macht man gleich weiter damit.

      Nebenbei, wenn einem der Staat die eigenen Schrottimmobilien beschlagnahmt, mimt man den Empörten und grinst sich eins, denn dadurch entsteht ein Entschädigungsanspruch.

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