Warum wurdest Du eigentlich sanktioniert?

(Ich kann diese Frage nicht ausstehen!)

Manche halten es für völlig ausgeschlossen, Sanktionen vom Jobcenter und meinen Widerstand dagegen zu „verstehen“, ohne genaue Kenntnis von den Vorwänden zu haben, die der zuständige Sanktionär in die Sanktionsbescheide einträgt.
Es sind dieselben Vorwände, unter denen jedes Jahr eine Million Sanktionen verhängt werden.

Eine Thematisierung dieser Vorwände führt ohne Wiederkehr auf das Feld des Einzelfalles, wo allein die Handlungen der sanktionierten Person diskutiert werden können, nicht die Repressionsmaschine Jobcenter an sich, und wo maximal eine Aufhebung von individuellen Sanktionen wegen erwiesener Unschuld zu gewinnen ist.

Sanktionsvorwände zielen ausschließlich darauf, Erwerbslose individuell für die Arbeitslosigkeit verantwortlich zu machen, und lassen keinen Raum für Rückschlüsse auf das arbeitsmarktbezogene Repressionssystem, weil alles in anderen Einzelfällen ja ganz anders sein kann.

Insbesondere sollen Wirtschaft bzw. ArbeitgeberInnen davon entlastet werden, irgendwas damit zu tun zu haben, daß die Arbeit so verteilt ist, wie sie verteilt ist. Auch die Politik will damit nichts zu tun gehabt haben.

(Vertieft zum Zusammenhang zwischen Erwerbslosigkeit und Kapitalismus hier.)

So. Jetzt kennt aber Jede und Jeder mindestens eine erwerbslose Person, die eigentlich streng genommen nichts dafür kann, daß sie keine Arbeit hat. Also können sich Wirtschaft und Politik ausrechnen, daß sie nicht dauerhaft damit durchkommen werden, pauschal ALLEN Erwerbslosen zu unterstellen, daß sie / wir nur zu faul sind, und auf diese Weise die hohe Arbeitslosigkeit verursachen.

Deswegen wird quasi zwischen schuldhaft Erwerbslosen und unschuldig Erwerbslosen unterschieden, und auf diejenigen draufgehauen, die als schuldhaft erwerbslos konstruiert werden.

Administrativ erfolgt die Spaltung in schuldig und unschuldig durch dauerhafte Beweislastumkehr. Alle EmpfängerInnen von ALG I und ALG II sind verpflichtet, kontinuierlich ihre Unschuld an der Erwerbslosigkeit zu beweisen, indem sie „sich bemühen“.
Die „Bemühungen“ dürfen dabei ruhig ausschließlich rituell sein, wie zum Beispiel völlig wahllose Bewerbungen, die allein nach ihrer Anzahl gemessen werden.

Welche Erwerbslosen „sich nicht ausreichend bemühen“, entscheidet allein der Sanktionär.

Auf der Spaltung zwischen schuldig und unschuldig Erwerbslosen basiert die extrem weit verbreitete und tief verankerte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegen (schuldig) Erwerbslose, also „Sozialschmarotzer“ und so.
Und hier geht es wirklich um richtigen Haß, und darum, daß Menschen ganz offen das Existenzrecht abgesprochen wird.

Wer Schiß hat, diesen Haß zu konfrontieren, oder vielleicht selbst unreflektierte Positionen zu schuldhafter Erwerbslosigkeit vertritt, wird von mir wollen, daß ich meine Unschuld an meiner Erwerbslosigkeit aufzeige, und daß die Sanktionen gegen mich in meinem Einzelfall ungerecht sind, um anschließend erleichtert etwa sowas vertreten zu können:

„Schaut mal, diese arme kleine Erwerbslose, gucci-gucci-guh, sie ist ganz unschuldig, und tut ja ALLES, um aus der Erwerbslosigkeit rauszukommen, und TROTZDEM sind die so GEMEIN zu ihr und sanktionieren sie einfach!!!“

Da diese Herangehensweise die Unterscheidung zwischen schuldhaft und unschuldig erwerbslos noch verschärft, statt sie anzugreifen oder wenigstens zu unterlaufen, halte ich sie für äußerst unsolidarisch und fördere sie nach Möglichkeit nicht.

Mich offen zu unterstützen, ist daher nichts für Feiglinge, und auch nichts für Menschen, die selbst zwischen unschuldig und schuldhaft Erwerbslosen unterscheiden wollen.

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4 Gedanken zu “Warum wurdest Du eigentlich sanktioniert?

  1. … auf fb, G+, twitter geteilt, mit folgendem Text:

    „… ich muss zugeben, dass auch mir diese Frage automatisch in den Sinn kam, als ich dies das erste mal hörte.
    Aber, nun. Ich bin ein neugieriger Mensch. Und ich habe dann auch seit Jahren immer reflexhaft die Attitüde: kann man in diesem speziellen Fall nicht was machen dagegen …
    Christel T. hat aber strukturell und auf das System bezogen völlig und absolut recht: die Frage ist irrelevant! (Aber Widerstand ist auch dennoch nicht zwecklos!)
    MfG
    BTB
    Ex-FM

    https://jobcenteraktivistin.wordpress.com/2015/04/14/warum-wurdest-du-eigentlich-sanktioniert/

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  2. „Sanktionsvorwände“ ist ein Begriff, den man sich merken muß. Denn vieles an Hatz4 und „Jobcentern“ (schreibe ich grundsätzlich in Anführungszeichen) ist Vorwand, Potemkinsche Fassade, Propaganda oder Gehirnwäsche. Man könnte für Ambrose Bierce’s Wörterbuch des Teufels einen umfangreichen Anhang verfassen. Hier einige erste Stichworte:

    1-Euro-Job – Umschreibung für eine Zwangsarbeit, von welcher viele glauben, sie mit echter Arbeit gleichsetzen zu können.

    Arbeitsplatz – Gibt es nach Ansicht der „Jobcenter“ zu Genüge. Wenn es dennoch Menschen gibt, die keinen solchen haben, dann nur deswegen, weil sie zu faul sind, danach zu suchen. Allerdings kennt das „Jobcenter“ ~ nur vom Hörensagen. Stattdessen hat man dort Zeitarbeit, ->-Euro-Jobs und sogenannte -> Maßnahmen. Obwohl dies keine echten ~ sind, werden sie dennoch als solche angepriesen und, wenn sie einem Klienten aufgedrückt werden, in der Statistik als solche gezählt.

    Bundesanstalt für Arbeit – Eine Anstalt, in der ausnahmsweise nicht diejenigen untergebracht werden, vor denen man die Allgemeinheit schützen muß; stattdessen werden die Insassen auf die Allgemeinheit losgelassen.

    Bundessozialgericht – Kreativcenter der deutschen Gerichtsbarkeit, ignoriert in seiner Selbstherrlichkeit sogar den Willen des Gesetzgebers. Hat mit der Wegeunfähigkeitsbescheinigung etwas erfunden, was selbst der Arzt nicht kennt. Sogar ein Schwerverletzter kann heutzutage transportiert werden, somit ist eine Vorsprache aufgrund einer -> Einladung nur dann ausgeschlossen, wenn der Hatz4-Delinquent mit zerfetztem Unterleib am Straßenrand liegt.

    Einladung – Eine Vorladung des -> Jobcenters unter der Bedrohung mit einer -> Sanktion. Da das „Jobcenter“ nur eine Scheinbehörde im Kleid einer GmbH ist, darf es keine Vorladung verschicken, dies dürfen nur Gerichte, die Staatsanwaltschaft und einige wenige andere Behörden. Deswegen findet eine Umetikettierung statt, welche Propaganda und Potemkinsche Fassade zugleich ist. Weist man „Jobcenter“-Mitarbeiter darauf hin, daß die Einladung in Wahrheit eine Vorladung ist, wird dieses reflexartig zurückgewiesen. Wohl eine Folge vorausgegangener -> Gehirnwäsche.

    Eingliederungsvereinbarung – Eine Art öffentlich-rechtlicher Zwangsvertrag, der, einseitig vom -> Jobcenter diktiert, bei einer Vorsprache aufgrund einer -> Einladung schon fertig ausgedruckt auf dem Tisch liegt. Enthält regelmäßig Drohungen des Existenzentzugs mittels -> Sanktionen.

    Gehirnwäsche – Vorherige ~ ist Voraussetzung für eine Tätigkeit in einem „Jobcenter“. Vor allem ist ~ daran erkennbar, daß das Gegenüber exakt dieselben Floskeln, Begriffe und Sätze von sich gibt wie alle sein Kolleginnen. Besonders häufig: „Sie leben von Steuergeldern.“ (Beste Gegenfrage: „Sie nicht auch?“) – „Warum haben Sie die Stelle nicht bekommen?“ – „Sehen Sie sich dies mal an, vielleicht ist ja etwas positives für Sie dabei.“

    Jobcenter – Richtige Schreibweise: „Jobcenter“. Staatlich initiiertes Verbrechersyndikat mit blättrigem Behördenanstrich. Dort Arbeitende führen wie vor einigen Jahrzehnten nur aus, was ihnen befohlen wird (siehe auch -> Gehirnwäsche). Von den politisch Verantwortlichen wird ihre Tätigkeit verharmlost mit: „Die wollen wollen doch nur helfen“.

    Maßnahme – Ergreift man in der Regel gegen etwas. Hier gegen erwerbslose Menschen. Wird wie -> 1-Euro-Jobs durch die -> Jobcenter und die -> Bundesanstalt für Arbeit als echte Arbeit ausgegeben, was sich günstig auf die Arbeitslosen -> statistik auswirkt.

    Sanktion – Entzug von Sozialleistungen, in der Regel unter einem Vorwand. Der größte Vorwand ist bereits die Verwendung des Begriffs „Sanktion“, da der Leistungsentzug keine vertragliche Folge, sondern eine unter Umgehung rechtsstaatlicher Grundsätze verhängte Verwaltungsstrafe ist. Die ~ dient vor allem der Fälschung der -> Statistik, was die Ausgaben für das ALGII angeht.

    Statistik – Durch Experten der -> Bundesanstalt für Arbeit frei erfundenes Zahlenwerk, durch welches die Vermittlungszahlen der BA immer größer, die Zahl der Arbeitslosen immer geringer, der Fachkräftemangel immer stärker und die Ausgaben immer kleiner werden. Dient der Selbstrechtfertigung für eigene erfolglose Bemühungen, die von außen für sinnvolle Arbeit gehalten werden sollen.

    Verwaltungsakt – Die meisten Schreiben der -> Jobcenter sind ein ~. Kennzeichnend ist, das ein solcher ~ aus unpassenden und nicht zusammengehörenden Textbausteinen zusammengefrickelt ist. Im Falle einer durch das -> Jobcenter verursachten Überzahlung wird die Schuld daran dem Empfänger zugeschoben und ihm mit strafrechtlichen Konsequenzen wegen Betrug gedroht.

    Und so weiter.

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    1. Boah, da hast Du dir echt Arbeit gemacht!
      Mir ist es auch besonders aufgefallen, als ich das hier geschrieben habe:
      https://jobcenteraktivistin.wordpress.com/2015/03/04/kampf-der-gigantinnen-die-bundesagentur-fur-arbeit-gegen-die-meinungsfreiheit-essay/
      Diese vielen Begriffe, die schon für sich genommen eine so verzerrte Sicht transportieren, daß sie nicht dazu taugen, Kritik zu üben, und die man andererseits nicht alle ersetzen kann, ohne daß es klingt, als würde man die Spezialsprache einer Sekte sprechen. Natürlich ginge es schon, wenn man die entsprechende Definitionsmacht hätte, aber dafür müßten viele mitmachen.

      Ich hatte mal angefangen, ein Wörterbuch der Euphemismen zu erstellen, bin aber nicht dazu gekommen, das weiterzumachen:
      https://sonstigesblog.wordpress.com/woerterbuch/

      Eigentlich müßte es ein „Wörterbuch deutsch – Jobcenter / Jobcenter – deutsch“ geben, änlich wie das hier, welches ich eigentlich blöd finde, weil es nur billige Witze gegen Frauen sind:
      http://www.amazon.de/Langenscheidt-Frau-Deutsch-Deutsch-Frau-Schnelle-ratlosen/dp/3468731221/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1461942654&sr=1-1&keywords=mario+barth
      Trotzdem könnte man sich die Machart ja abgucken.

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