Überraschung: Erwerbslose und MitarbeiterInnen sind der BA gleich wurscht

Es ist fast schon ein bißchen absurd, wie Erwerbslose und die Beschäftigten der Jobcenter separat genau dasselbe feststellen, und separat versuchen, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren: Nämlich daß für die Bundesagentur für Arbeit (BA) die Menschen den Zahlen nachrangig sind.

Natürlich hat dieses völlig voneinander isolierte Vorgehen einen Grund: Die Beschäftigten der Jobcenter sind die Leute, die uns Erwerbslose schikanieren. Das wissen nicht nur wir, das wissen sie auch selbst. Für ein gemeinsames Vorgehen wäre die Voraussetzung, daß sie sich auch dagegen wehren, beziehungsweise es einfach verweigern, und zwar massenhaft.

Alle Mißstände im Zusammenhang mit dem Jobcenter stellen auch Fenster dar, das heißt, wenn man sie thematisiert, liegt es nahe, gleichzeitig ganz bestimmte Veränderungen zu fordern.

Dort wird die überwiegend fehlende Stellungnahme der Jobcenter-Beschäftigten zu Sanktionen und anderen Schikanen wieder akut: Statt wie Erwerbslose die Abschaffung von Sanktionen zu fordern, welche Druck auf die Erwerbslosen erzeugen, wollen viele Beschäftigte den Druck allein von sich selbst genommen wissen, und fordern für uns Erwerbslose sogar eine verstärkte „Betreuung“ – eine Forderung zum Wegrennen, keine, die eine Solidarisierung ermöglicht, und das ist bedauerlich.

So zum Beispiel auch nach der RTL-Sendung vom Team Wallraff über die Jobcenter.

Schlauerweise hat die BA vor und nach der Ausstrahlung jeweils eine Email an alle Beschäftigten verschickt, mit denen sie diese ungeheuer provoziert haben muß.

Auch Erwerbslose können sehr dreckig lachen über solche Sätze: „Wir alle wünschen uns eine offene und sachliche Diskussion in den Jobcentern, in den Medien, in Politik und Gesellschaft. Lassen Sie uns gemeinsam dazu beitragen.“

Die Personalräte der Jobcenter sahen das ähnlich: „Wenn Sie schreiben, ‚ändern können wir nur die Dinge, von denen wir wissen‘, suggerieren Sie, Sie hätten von den in der o.g. Sendung zur Sprache gebrachten Sachverhalten bisher nichts erfahren“, heißt es in einem offenen Brief.

Da sind ne Menge Leute echt sauer.

Da wäre es doch fein, wenn solidarische Beschäftigte der Jobcenter und der Bundesagentur für Arbeit sich auch auf die ausführliche Auswertung beziehen, die ich Anfang März unter dem Titel „Kampf der Gigantinnen: Die Bundesagentur für Arbeit gegen die Meinungsfreiheit“ publizierte.

Die BA möchte nämlich die sozialen Medien automatisiert auswerten, angeblich, weil sie Mißständen entgegenwirken will und sich deswegen dafür interessiert, was Erwerbslose bloggen, twittern oder in Erwerbslosenforen bereden.

Diese Behauptungen der BA hatte ich in aller Gründlichkeit mit der Realität kontrastiert, und dabei unter anderem ihren Umgang mit Kritik und KritikerInnen und ihre „Pressearbeit“ (treffender wäre „Propaganda“) unter die Lupe genommen.

Die BA will sich selbst in der Öffentlichkeit positiv darstellen und sieht sich dabei von kritischen Beiträgen gehindert. Das hat nichts damit zu tun, Mißständen tatsächlich entgegenzuwirken. Die Zahlen sind wichtiger.

Die Überwachung richtet sich gleichermaßen gegen die eigenen Beschäftigten wie die Erwerbslosen.

Kritische Beiträge in der Öffentlichkeit können mit dem Arbeitsrecht sogar, sagen wir mal, in größerer Offenheit geahndet werden als im Sozialrecht, wo es eigentlich streng genommen gar nicht so richtig erlaubt ist, jemanden wegen einer Meinungsäußerung oder politischen Ansicht zu sanktionieren oder zu schikanieren.

Ich selbst werde in der nächsten Zeit leider nicht mehr dazu kommen, den Text zu bewerben und ihn in die verschiedenen Diskussionen hineinzutragen, für die er geschrieben ist, weil ich inzwischen selbst vom Jobcenter sanktioniert wurde und deswegen die nächste Zeit viel Rennerei und zusätzliche Arbeit habe.

Daher schon mal vielen Dank an Marcel Kallwass und Burkhard Tomm-Bub, Ihr habt’s kapiert!

Nachträgliche Ergänzung 5.4.2015: Heute ist auf Inge Hannemanns Blog ein weiterer Text einer oder eines unbekannten Jobcenter-Beschäftigten erschienen, Titel „Die Gutsherrenart der Bundesagentur für Arbeit gehört abgeschafft „
„Vorher jedoch sollten die Herren sich in aller Öffentlichkeit entschuldigen! Und zwar bei den Millionen Erwerbslosen, die nur verwaltet wurden anstatt ihnen zu helfen. Die entwürdigend behandelt wurden und vor allen bei denen, die auf Grund kapitaler Fehler und Uneinsichtigkeit nicht pünktlich ihre zustehende Leistung erhalten haben bzw. rechtswidrig sanktioniert wurden.“
Das klingt doch schon gut!
Ich meine ja, Sanktionen müssen ganz weg, und jede Beratung muß freiwillig sein, sonst bringt sie sowieso nichts.
Wenn die MitarbeiterInnen nur diejenigen beraten müßten, die das auch haben wollen, dann hätten sie nämlich auch gleich mehr Zeit, das vernünftig zu tun. Oder, das überhaupt erstmal zu lernen.
Die Gutsherrenart, die gefällt uns Erwerbslosen auch nicht, und es ist ja auch sehr wahrnehmbar, daß nicht alle Beschäftigten der Jobcenter sich uns gegenüber wie GutsherrInnen gerieren. Kommt aber vor, und erschreckend ist nicht nur, wie häufig, sondern auch, wie wenig man dagegen machen kann und wie viel Rückhalt diese Leute haben, sowohl institutionell wie in einer aufgehetzten Bevölkerung.
Und die Hetze, die wird bleiben, solange versucht wird, zwischen „schuldig erwerbslos“ und „unschuldig erwerbslos“ zu unterscheiden. Auch deswegen müssen Sanktionen ganz weg, anstatt daran herumzudoktern.

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4 Gedanken zu “Überraschung: Erwerbslose und MitarbeiterInnen sind der BA gleich wurscht

  1. Kapiert hat es wohl eher altonabloggt.com und die erste Jobcenter Mitarbeiterin, die es mit ihrem Namen gewagt hat die Missstände in die Öffentlichkeit zu bringen. Marcel war der zweite und Burkhard Tomm-bub, wer ist das? Mehr Dokus dazu gibt auf altonabloggt, auch die zweite Mail. Wenn altonabloggt mal nicht mit Wallraff zusammenhängt ,um somit auf die Missstände noch mehr aufmerksam zu machen? Die eigentliche Revolution wird wohl nun aus dem Inneren der Jobcenter kommen müssen. Aber das schafft altonabloggt auch noch.

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    1. Auf jeden Fall war Inge Hannemann die erste!
      Ich hatte die beiden genannt, die mitgeholfen haben, den Text von mir zu verbreiten, in welchem es genau um dieselben Probleme geht. Burkhard Tomm-Bub ist ein (ehemaliger) Fallmanager, der hier über Hartz IV bloggt.
      Im Inneren der Jobcenter sind etliche Tausende Menschen beschäftigt, die könnten schon ganz schön was reißen, wenn sie zusammenstehen. Doch wir Erwerbslosen sind Millionen. Nicht vergessen.

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  2. … Dank für die Erwähnung, Christel T.
    Ja, es gibt schon mehrere Insider. Auch Norbert Wiersbin wäre da noch zu nennen!
    http://www.amazon.de/Das-Hartz-Desaster-Auf-dem-Unrechtsstaat/dp/3940185248
    – der, btw. NICHT das „große Geld“ mit seinem Buch macht, sondern statt dessen jetzt mit einer schmalen EU – Rente leben muss.
    Verstärkt in die Öffentlichkeit bin ich selbst spätestens Anfang August 2013, was nicht heißt, dass ich vorher untätig war.
    Insbesondere meine Aktion „JOBCENTER: Aufruf vorm Spiegel zu verweilen!“ hat doch so einige tausend Menschen und viele jc – Mitarbeiter_innen erreicht.
    Hier noch mal der Clip dazu:

    MfG
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.

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  3. Haben die vielen Gebildeten mitsamt den sehr viel mehr Ungebildeteren in diesem Land niemals die Lektion erhalten, dass man nicht mit den Existenzängsten der Leute spielt? Und dass es dafür, egal wieviel weitschweifende Worte man drumherum spinnt, niemals irgendeine Berechtigung geben kann, mit keinem Grund und in keiner Lage?
    Das was wir heute versäumen zu tun, wird morgen auf uns zurückfallen. Egal, wie wattig weich das Gespinst auch sein bzw scheinen mag, worin wir eingehüllt sind.
    Leute, wir als Gesellschaft haben bereits (mindestens) 10 volle Jahre lang Schuld auf uns geladen! Denkt daran!

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