Was soll an Social Media Monitoring überhaupt schlecht sein?

Wenn man sich anschaut, was die Hersteller über ihre Social Media Monitoring Tools schreiben, kann man sich kaum vorstellen, daß es ein Skandal sein soll, wenn die Bundesagentur für Arbeit (BA) eins nutzen will.

Allerhöchstens bringen einzelne Sätze einen kurzen Anflug von Gänsehaut: „Des Weiteren identifiziert es Influencer und Multiplikatoren…“ (hier).

Oder hier: „Influencer: Identifikation von wichtigen Personen und deren Beziehungen untereinander (Influencer-Networks) (…) damit Know-how über die relevanten Communities entstehen kann. (…) Potenzielle Krisenherde und negativ eingestellte Influencer beobachten und ihre Reichweite kontinuierlich beurteilen (…) Professionelle Tools arbeiten mit den User-Profilen. Nach unseren Recherchen weisen aber erst rund 55 Prozent der deutschsprachigen Blogger ihre Herkunft, 7,6 Prozent ihr Geschlecht und 3 Prozent ihr Alter aus. (…) Die Anonymität der Netzwerke wird aber mittelfristig abnehmen.“

Auch für (durchaus kritische) JournalistInnen ist Social Media Monitoring etwas, was sie selbst anwenden, nicht etwas, dessen Anwendung sie bei anderen kritisieren.

So nutzt z.B. der Hamburger Wahlbeobachter Martin Fuchs speziell dafür erstellte Monitoring Tools, um die Social-Media-Aktivitäten von PolitikerInnen vergleichbar zu machen, und stellt diese Programme auch öffentlich kostenlos zur Verfügung, hier und hier.

Es gibt Veranstaltungen darüber, wie man mit Hilfe von sozialen Medien das politische Agenda-Setting beeinflussen kann, und Seminare zur journalistischen Nutzung von Social Media Monitoring, wie Ende März bei der Linken Medienakademie: „Recherche in den sozialen Netzwerken gehört zunehmend zum journalistischen Alltag. Aber Monitoring heißt mehr: Muster werden sichtbar, Stimmungen einschätzbar, Verhalten erkennbar. Wir schauen uns Möglichkeiten und Vorgehensweisen an, und lernen Tools kennen“, hieß es in der Ankündigung.

Und wenn mein Blog mir anzeigt, wie viele Klicks von welchen Referrern gekommen sind, dann wird auch das nichts anderes sein als (Social) Media Monitoring.

Warum also sollte die Bundesagentur für Arbeit das nicht auch machen dürfen?

Aus der Sicht von Erwerbslosen, deren allerpersönlichste Daten in den zentral verwalteten und von etlichen tausenden MitarbeiterInnen genutzten Computerprogrammen der BA gespeichert sind, und deren allerpersönlichste Lebensentscheidungen systematisch kontrolliert und unter den Vorbehalt der optimalen wirtschaftlichen Verwertung der Arbeitskraft gestellt werden (sollen), ist es eine Frage von erheblicher Bedeutung, ob die BA uns obendrein auch noch im Internet „monitoren“ kann oder nicht.

Daß das Monitoring durch die BA unter anderem auf die Äußerungen von Erwerbslosen gerichtet ist, ergibt sich aus ihren eigenen Stellungnahmen dazu.

Zum Beispiel behauptete die BA, sie wolle auf diese Weise von eventuellen Mißständen erfahren, und man implizierte, mehr als es ausdrücklich zu sagen, daß dann auch etwas gegen diese Mißstände unternommen werden solle.

Indem ich mir Sarkasmus und Ironie nach Möglichkeit verkniff, kontrastierte ich solche Aussagen der BA in aller Gründlichkeit mit der knallharten Realität, wie sie sich aus Erwerbslosensicht darstellt, wie zum Beispiel dem ignoranten und gelegentlich wirklich rabiaten Umgang von Jobcentern und BA mit Kritik und KritikerInnen.

Ich wäre hocherfreut, mit dem Text dazu beitragen zu können, daß die Diskussion über Social Media Monitoring insgesamt etwas kritischer wird, und wünsche mir, daß er in diesem Sinne gelesen wird.

Ich werde aber selber in der nächsten Zeit nicht in der Lage sein, weiter dafür zu werben, denn ich bin genötigt, mich mit den Sanktionen zu befassen, die das Jobcenter seitdem gegen mich verhängt hat.
(Davon abgesehen wäre es mir sowieso nicht möglich, den Text stellvertretend für andere zu lesen.)

Ich bin daher derzeit darauf reduziert, den Wunsch zu äußern.

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