Von der schuldhaften und der unschuldigen Erwerbslosigkeit

Die Ideen, auf denen Hartz IV basiert, sind unglaublich verschwurbelt.
Gleichzeitig werden entscheidende Aspekte, wie das Vorhandensein oder die Abwesenheit von ausreichend Arbeitsplätzen, mit erschreckender Konsequenz und Irrationalität ignoriert.

Stattdessen wird als Mittel der Ablenkung auf die Betroffenen fokussiert.

So läßt sich weder der Arbeitsmarkt noch die Arbeitsmarktpolitik begreifen, und wir sollen sie auch nicht begreifen.

Von der schuldhaften und der unschuldigen Erwerbslosigkeit

Dabei kann auch ruhig mal positiv über Erwerbslose gesprochen werden, Hauptsache, a) es wird von den Erwerbslosen gesprochen und nicht von der Arbeitsmarktpolitik und b) es wird nicht angezweifelt, daß es auch zumindest ein paar ganz, ganz böse Erwerbslose gibt, die alle anderen „ausnutzen“ etc.
Ein einziger davon reicht eigentlich, jedenfalls im Bezugsrahmen von Aufhetzung, Menschenfeindlichkeit, nach-unten-Treten und der Irrationalität, die mit sowas einhergeht, um jede gesetzlich verankerte oder gesetzwidrige Repression zu begründen.

Eine Argumentation gegen Hartz IV, die sich allein darauf stützt, daß die meisten Erwerbslosen doch eigentlich ganz nett sind, und gar nichts dafür können, muß daher scheitern.

Man begreift ja auch z.B. Rassismus nur vollständig, wenn man rassistische Inhalte und Handlungen, rassistisch eingestellte Personen und rassistische Institutionen betrachtet, nicht allein durch den Kontakt zu MigrantInnen.

Dasselbe gilt für Sexismus, Antisemitismus, Homophobie etc.

Und es gilt auch im Bereich Hartz IV.

Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus 2014 untersucht Vorurteile gegen Langzeiterwerbslose im Zusammenhang mit anderen Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

In Erwerbslosengruppen war von Anfang an klar, daß die demokratie- und verfassungsfeindliche Konstruktion von Hartz IV sich nicht gesetzgeberisch hätte durchpeitschen lassen, wenn nicht begleitend eine massive (Medien-)hetze gegen Erwerbslose stattgefunden hätte, ähnlich, wie es auch schon bei der Durchsetzung des „Asylkompromisses“ mit rassistischer Hetze zu beobachten war.

Insofern sind das weitverbreitete Gelaber über faule Erwerbslose und seine subtileren Facetten ein wesentlicher Bestandteil des üblen Gemenges „Hartz IV“.

Dabei werden Erwerbslose grob in zwei Gruppen unterteilt, nämlich die schuldhaft Erwerbslosen und die unschuldig Erwerbslosen.*

Die öffentliche Debatte korreliert mit dem Verwaltungshandeln und der Gesetzgebung: Unschuldig erwerbslos ist in jedem Fall, wer „wirklich“ eine Arbeit sucht, aber keine findet.
Darüberhinaus kann unschuldig sein, wer zu krank zum Arbeiten ist, wer Angehörige pflegt o.Ä., doch das ist jeweils Geschmackssache der Diskriminierenden.

Jetzt ist es aber keineswegs so, daß etwa das Jobcenter irgendjemandem eine Schuld nachweisen muß, sondern im Gegenteil, die Erwerbslosen haben ihre Unschuld zu beweisen, und zwar kontinuierlich.

Dabei müssen die Unschuldsbeweise keinerlei Bezug zum realen Arbeitsmarkt aufweisen, sie müssen nichtmal die Chance auf eine „Eingliederung“ erhöhen, sie können diese Chancen sogar verschlechtern, all das ist überhaupt nicht ausschlaggebendes Kriterium.
Die vorzulegenden „Bewerbungsbemühungen“ und abzuleistenden „Bewerbungstrainings“ etc. sind vielmehr rituelle Handlungen, mit denen die Erwerbslosen immer und immer wieder beschwören sollen, daß die Arbeitslosigkeit ihre individuelle Fehlleistung ist und nichts mit dem Arbeitsmarkt oder gar der Arbeitsmarktpolitik zu tun haben.

Auch die unschuldig Erwerbslosen sind damit einer massiven persönlichen Abwertung unterworfen, die sie selbst in den Praktiken zu durchleben haben, mit denen sie ihre Unschuld beweisen sollen.

Dabei kann die Unschuld an der eigenen Erwerbslosigkeit niemals endgültig bewiesen sein.

Schuldhaft erwerbslos sind logischerweise alle, denen der Unschuldsbeweis nicht gelingt, deren Unschuldsbeweise von Verwaltungsangestellten und Sozialgerichten verworfen werden, und selbstverständlich diejenigen, die sich diesen bizarren Praktiken verweigern.

Schuldhafte Erwerbslosigkeit wird in unserem Rechtssystem mit dem Verlust der Existenzgrundlage und dem Entzug des Existenzrechts bestraft.

Bleargh.

—————————
* Daneben existieren weitere Spaltungslinien, und ganz wesentlich hervorzuheben ist das Ausspielen einheimischer Erwerbsloser gegen ArbeitsmigrantInnen.
Bei einer weiteren Spaltung geht es um „ICH hab mein Leben lang gearbeitet“ gegen „DIE haben noch nie einen richtigen Job gehabt“.

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5 Gedanken zu “Von der schuldhaften und der unschuldigen Erwerbslosigkeit

  1. Dazu paßt das „Agenda-Neusprech“:

    Man redet von „Eingliederung“, so als sei es ein Willkürakt der Betroffenen, sich zuvor „ausgegliedert“ zu haben. Dabei wurden sie zu (ich schätze mal) 85-95% betriebsbedingt gekündigt. Also müßten diejenigen, die sie „ausgliedern“, zum Abschluß einer entsprechenden Gegenvereinbarung gezwungen werden.

    In die gleiche Orwellsche Phrasendrescherei gehört das sog. „Vermittlungshemmnis“. z.B. Langzeitarbeitslosigkeit. So als falle ein Fallgatter vor dem „Vermittler“ herunter, wenn er sich aufmacht, einem Arbeitsanbeiter seine Langzeitarbeitslosen anzudienen. Dabei ist es schlichte Einstellungsverweigerung seitens der Personalabteilungen. Auch hier sitzt das Hemmnis auf der anderen Seite.

    Diese und viele andere Spracherfindungen dienen dazu, nur systemkonforme Phrasen absondern zu können.

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  2. Kleine Anmerkung zu „Die Ideen, auf denen Hartz IV basiert, sind unglaublich verschwurbelt.“
    Sofern man unter „Ideen“ das Herumgeeiere versteht, mit dem der grundlegende – und ganz schlichte – Ansatz vernebelt werden soll.

    Der Ansatz geht imho so: „Wir wollen wieder zurück zu Armen- und Zuchthäusern, zu workfare und Knechtung des Gesindels“.

    Dieser Ansatz fährt schon mit Art 1 GG auf Grund. Also mußte gepolstert, getarnt, begrifflich aufgehübscht werden. Statt Armenhäuser gibt es „Maßnahmen“, statt Zuchthaus „Arbeitserprobung“ (Gratispraktika) usw. DAS ist das Geschwurbel, und daß es so unglaublich ist, liegt eben darin begründet, daß man sich schon ganz schön weit herauslehnen mußte, damit nicht gleich jeder merkt, daß einem da ein ganz faules Ei ins Nest geschoben wurde.

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    1. Spaetestens, wenn die eigene Kindschaft als „Vermittlungshemmnis“ vergegenstaendlicht bzw. entwuerdigt wird, nimmt die Sache noch einmal eine delikatere Wendung!
      Die nach wie vor so verdammt weichgespuelte, oberflaechlich-truebe Auffassung der Volksseele in Bezug auf diese hochbrisanten Enrwicklungen ist kaum zu fassen!
      Dass viele ehemalige Kommiliton/innen des kritischen, der Hochschule der BA verwiesenen Marcel Kallwass von ihrer muehsam erlernten Dummheit nicht ablassen wollen, ist ja durchaus noch verzeihlich….

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  3. Ich konnte soeben die folgende, zufällig aufgefundene, Anmerkung zu diesem Themenkreis aus dem Netz sieben, die geeignet scheint, mein zuvor Verkündetes wenigstens ein bisschen zu illustrieren:

    „…Gerade die sogenannten „XXXX“ sind die schlimmsten Geier. Ich war mal in einer Maßnahme,da wurden die Teilnehmer gefragt,wieso sie denn nicht für einen Job umziehen würden. Die Antwort war die,die viele Arbeitslose im fortgeschrittenen Alter (>35) geben: man hat immerhin Ehepartner, Kind, Haus usw. Als Reaktion dieser „Sozialpädagogin“ kam der „Rat“,daß man sich doch einfach scheiden lassen solle, weil man bei einer „normalen“ Scheidung schließlich auch aus- bzw umziehen würde…“

    Tatsächlich müssen wir alle bald um das Heiligste unseres Lebens bangen, für ein Phantombild…

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